Über die Kraft, die aus der Herkunft kommt
"Halber Stein" ist das Romandebüt der vielfach ausgezeichneten deutschen Autorin Iris Wolff. Die Wurzeln der Autorin liegen selbst in Siebenbürgen, sie stammt aus einer deutschsprachigen "sächsischen" Familie in Rumänien und ist als Kind gemeinsam mit ihrer Familie nach Deutschland ausgewandert.
In diesem Roman erzählt sie von Friedesine, genannt "Sine", eine fiktive junge Frau, die ein ganz ähnliches Schicksal teilt, als Kind Siebenbürgen für Deutschland verlassen hat, dort nun ihr Studium beendet hat und anlässlich des Todes der geliebten Großmutter Agneta zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder für eine kurze Zeit die alte Heimat besucht. Sine selbst steht an einer Weiche in ihrem Leben, weiß nicht so recht, wohin mit sich beruflich und auch sonst.
Sine kommt in Siebenbürgen an und streift erst einmal herum. Sie begegnet Julian, einem alten Freund aus der Kindheit. Die beiden haben damals miteinander gespielt, nun sind sie in unterschiedlichen Ländern und Welten erwachsen geworden, begegnen einander wieder, nähern sich an, erkunden gemeinsam Sines alte Heimat, dabei entwickelt sich eine zarte, nur angedeutete Romanze zwischen ihnen.
Dieses Buch lebt nicht von großen, dramatischen Ereignissen. Es ist ein stilles, poetisches Buch mit eindringlicher, wunderschöner Sprache, das mich emotional tief mit der mir bisher unbekannten ländlichen Gegend Siebenbürgens verbunden hat, denn es ist voll von detaillierten Landschaftsbeschreibungen und Hintergrundinformationen über die Region:
"Ich blieb stehen. Das undurchdringliche Blaugrün eines Gletschersees lag vor uns. Die Berge umrundeten ihn im Halbkreis, eine einzelne Wolke hob sich fast senkrecht über der spiegelglatten Oberfläche in die Luft. Büschelweise lila Enzian und Silberdisteln, so weit das Auge reichte. Vereinzeltes Geröll lag übers Gras verstreut, das nicht wie in Michelsberg verdorrt und ausgebleicht die Erde bedeckte, sondern hellgrün leuchtete. Ich hatte mehr noch als unten in der transsilvanischen Ebene das Gefühl, der Herbst habe sich zwischen den Jahreszeiten verloren." (S. 181/182)
Dazu kommen die Erinnerungen an die verstorbene Großmutter und an die Zeit als Kind in der siebenbürgischen Heimat... so viele Erinnerungen sind mit dem alten Haus verknüpft, doch nun wohnt keiner mehr darin, Sines Vater und Onkel haben es geerbt, der eine möchte es behalten, der andere verkaufen.
Immer wieder eingewoben in das Buch sind auch historische Bezüge, wenn der passionierte Hobbyhistoriker Julian, der von einem Geschichtestudium träumt, von der Vergangenheit erzählt und dabei lebendig wird, welchen Herausforderungen die Vorfahren der Siebenbürger Sachsen ausgesetzt waren: "Mit welchem Gefühl baut man ein Dorf wieder auf, nachdem es niedergebrannt wurde? Wie schafft man es, sich wieder am selben Ort anzusiedeln, wenn eine ganze Dorfgeneration versklavt wurde? Nicht aufzugeben, obwohl man in diesem Gebiet so vielen Gefahren und Unwägbarkeiten ausgesetzt war?" (S. 45)
Dann geht es wieder um die etwas jüngere Vergangenheit, um die schwierigen Zeiten unter den Kommunisten, Verschleppung von Deutschsprachigen, aber auch Diskriminierung von ethnischen Rumänen durch diese. Später dann die vielen Deutschsprachigen, die gegangen sind, sobald sie konnten. Zurück bleiben verlassene Felder und geräumige Höfe, Spuren der einst so lebendigen Gemeinschaft in dieser Gegend, und die wenigen, die noch geblieben sind. Es gibt Begegnungen mit Menschen, die Agneta kannten, und oft auch Sine als Kind. Blicke zurück in die Vergangenheit, auf die Großmutter, auf die eigene Herkunft, das eigene Erbe.
Am Ende des Buches ist die Oma begraben und sonst im Außen nicht so viel passiert. Doch zurück bleibt das Gefühl, dass es vielleicht für Sine nun ein bisschen leichter werden kann, sich zu orientieren im Leben. Denn in diesen wenigen, aber tiefgründigen und bedeutungsvollen Tagen in Siebenbürgen hat sie sich wieder tiefer mit ihren Wurzeln und ihrer Herkunft verbunden und wird daraus vielleicht Kraft schöpfen können für den weiteren Weg, den sie nun geht.
Mich hat dieses Buch sehr berührt und mir viel Wissen, aber vor allem auch Gefühl für Siebenbürgen und die deutschsprachigen Bewohnerinnen und Bewohner dieser Gegend vermittelt, ja, sogar Lust darauf gemacht, diese interessante Gegend zu besuchen und selbst zu erkunden. Es eignet sich insbesondere für Leserinnen und Leser, die bereit sind, sich auf ein ruhiges, poetisches und dafür umso tiefgründigeres Buch einzulassen, ohne besonders viel Spannung oder ein schnelles Voranschreiten der Handlung zu erwarten.
In diesem Roman erzählt sie von Friedesine, genannt "Sine", eine fiktive junge Frau, die ein ganz ähnliches Schicksal teilt, als Kind Siebenbürgen für Deutschland verlassen hat, dort nun ihr Studium beendet hat und anlässlich des Todes der geliebten Großmutter Agneta zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder für eine kurze Zeit die alte Heimat besucht. Sine selbst steht an einer Weiche in ihrem Leben, weiß nicht so recht, wohin mit sich beruflich und auch sonst.
Sine kommt in Siebenbürgen an und streift erst einmal herum. Sie begegnet Julian, einem alten Freund aus der Kindheit. Die beiden haben damals miteinander gespielt, nun sind sie in unterschiedlichen Ländern und Welten erwachsen geworden, begegnen einander wieder, nähern sich an, erkunden gemeinsam Sines alte Heimat, dabei entwickelt sich eine zarte, nur angedeutete Romanze zwischen ihnen.
Dieses Buch lebt nicht von großen, dramatischen Ereignissen. Es ist ein stilles, poetisches Buch mit eindringlicher, wunderschöner Sprache, das mich emotional tief mit der mir bisher unbekannten ländlichen Gegend Siebenbürgens verbunden hat, denn es ist voll von detaillierten Landschaftsbeschreibungen und Hintergrundinformationen über die Region:
"Ich blieb stehen. Das undurchdringliche Blaugrün eines Gletschersees lag vor uns. Die Berge umrundeten ihn im Halbkreis, eine einzelne Wolke hob sich fast senkrecht über der spiegelglatten Oberfläche in die Luft. Büschelweise lila Enzian und Silberdisteln, so weit das Auge reichte. Vereinzeltes Geröll lag übers Gras verstreut, das nicht wie in Michelsberg verdorrt und ausgebleicht die Erde bedeckte, sondern hellgrün leuchtete. Ich hatte mehr noch als unten in der transsilvanischen Ebene das Gefühl, der Herbst habe sich zwischen den Jahreszeiten verloren." (S. 181/182)
Dazu kommen die Erinnerungen an die verstorbene Großmutter und an die Zeit als Kind in der siebenbürgischen Heimat... so viele Erinnerungen sind mit dem alten Haus verknüpft, doch nun wohnt keiner mehr darin, Sines Vater und Onkel haben es geerbt, der eine möchte es behalten, der andere verkaufen.
Immer wieder eingewoben in das Buch sind auch historische Bezüge, wenn der passionierte Hobbyhistoriker Julian, der von einem Geschichtestudium träumt, von der Vergangenheit erzählt und dabei lebendig wird, welchen Herausforderungen die Vorfahren der Siebenbürger Sachsen ausgesetzt waren: "Mit welchem Gefühl baut man ein Dorf wieder auf, nachdem es niedergebrannt wurde? Wie schafft man es, sich wieder am selben Ort anzusiedeln, wenn eine ganze Dorfgeneration versklavt wurde? Nicht aufzugeben, obwohl man in diesem Gebiet so vielen Gefahren und Unwägbarkeiten ausgesetzt war?" (S. 45)
Dann geht es wieder um die etwas jüngere Vergangenheit, um die schwierigen Zeiten unter den Kommunisten, Verschleppung von Deutschsprachigen, aber auch Diskriminierung von ethnischen Rumänen durch diese. Später dann die vielen Deutschsprachigen, die gegangen sind, sobald sie konnten. Zurück bleiben verlassene Felder und geräumige Höfe, Spuren der einst so lebendigen Gemeinschaft in dieser Gegend, und die wenigen, die noch geblieben sind. Es gibt Begegnungen mit Menschen, die Agneta kannten, und oft auch Sine als Kind. Blicke zurück in die Vergangenheit, auf die Großmutter, auf die eigene Herkunft, das eigene Erbe.
Am Ende des Buches ist die Oma begraben und sonst im Außen nicht so viel passiert. Doch zurück bleibt das Gefühl, dass es vielleicht für Sine nun ein bisschen leichter werden kann, sich zu orientieren im Leben. Denn in diesen wenigen, aber tiefgründigen und bedeutungsvollen Tagen in Siebenbürgen hat sie sich wieder tiefer mit ihren Wurzeln und ihrer Herkunft verbunden und wird daraus vielleicht Kraft schöpfen können für den weiteren Weg, den sie nun geht.
Mich hat dieses Buch sehr berührt und mir viel Wissen, aber vor allem auch Gefühl für Siebenbürgen und die deutschsprachigen Bewohnerinnen und Bewohner dieser Gegend vermittelt, ja, sogar Lust darauf gemacht, diese interessante Gegend zu besuchen und selbst zu erkunden. Es eignet sich insbesondere für Leserinnen und Leser, die bereit sind, sich auf ein ruhiges, poetisches und dafür umso tiefgründigeres Buch einzulassen, ohne besonders viel Spannung oder ein schnelles Voranschreiten der Handlung zu erwarten.