Wenn Erinnerung Heimat wird

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Mit leiser Intensität entwirft Iris Wolff in Halber Stein das Porträt eines Mädchens aus einer rumänischen Auswandererfamilie, das zwischen Entfremdung und Verlust seinen eigenen Weg findet. Die Erzählung handelt von stiller Auflehnung ebenso wie von Annäherung, von Verzeihen und einer Lebensfreude, die sich behutsam zurückmeldet. Wolffs Sprache ist von großer Bildkraft: Sie lässt das Siebenbürgische Land und seine Menschen mal zart und flüchtig, mal pointiert und sinnlich vor dem inneren Auge erscheinen. Dialoge schärfen das Lokalkolorit, die Beschreibungen sind so fein gearbeitet, dass Gerüche, Farben und Texturen greifbar werden.

Immer wieder ist es der frisch aufgebrühte Kaffee, der Sine – inzwischen erwachsen – bei ihren Gesprächen begleitet, wenn sie nach Spuren der verstorbenen Großmutter Agneta sucht. Stoffe und Stickereien in Schubladen, Speisen, Bücher, die Häuser von Hermannstadt, die farbverschmierten Hände des Vaters, der ein Porträt der Toten malt: All diese Details fügen sich zu einer dichten, lebendigen Welt. So erzählt Halber Stein eindringlich und zugleich ohne Anklage von den Nachwirkungen eines existenziellen Familienschicksals – und hinterlässt das tröstliche Gefühl, dass in diesem Leben letztlich die Liebe die Oberhand behält.