Wo ist Heimat?

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hennie Avatar

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Friedesine, genannt Sine, kehrt nach 20 Jahren an den Ort ihrer Kindheit zurück. Der Anlass ist der Tod ihrer Großmutter Agneta. Gemeinsam mit ihrem Vater Johann (der ältere Sohn Agnetas) fährt sie zum Begräbnis nach Siebenbürgen ins kleine Michelsberg unweit von Hermannstadt.
Aus der Ich-Perspektive der jungen Frau erfährt man die Gedanken über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines Landstrichs mit einer deutschen Minderheit, deren reiche Traditionen zu verschwinden drohen und ihre spannende Historie mehr und mehr in Vergessenheit gerät.
Ich bin dieser Geschichte gern gefolgt. Ausdrucksstark und in lebhaften Farben und schönen Bildern schildert die Autorin in dem Roman ein Sommerende in den Südkarpaten.
Poetisch erfolgen die vielfältigen Beschreibungen der Landschaft. Auf die Protagonistin Sine prasseln eine riesige Menge an Erinnerungen ein, die sie immer wieder mit der verstorbenen Großmutter verbinden. Sie war eine starke Persönlichkeit, die sich in ihrem wechselvollen Leben immer wieder zu behaupten wusste. Ihr Sohn Johann vermisst sie sehr und er versucht in ihrem Haus mit der geheimnisvollen Architektur die Endlichkeit der Erinnerungen und den Schmerz über den Verlust der Mutter in einem Bild zu verarbeiten, das er von ihr malt.
Sehr aufschlussreich fand ich eine Sache, die fast am Ende des Buches erzählt wird. Jinni, eine Freundin von Agneta vergleicht sie mit der Epischen Seite. Das ist die Kehrseite einer Stickseite. Beim Sticken im Sächsischen (Siebenbürgen!) besteht die Herausforderung, dass sich die Vorderseite nicht von der Rückseite unterscheidet. Jinni vergleicht Agneta als Mensch mit der epischen Seite, weil sie strikte Prinzipien hat.

Mir gefällt die erzählerische Kraft von Iris Wolff. Sie zeichnet mit winzigen Details Situationen, Begebenheiten, eine Realität, die ich nachvollziehen kann. Den halben Stein verstehe ich als Sinnbild für die Vergänglichkeit. Er bleibt, während sich vieles andere wandelt oder verschwindet.
Den Roman empfinde ich als warm, behutsam und liebevoll erzählt. Allerdings, wer Spannung erwartet, ist hier falsch. Es wird sehr ausführlich berichtet.

Bei mir bleibt die Frage: Wo ist Heimat?