wunderschön geschrieben

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lesefin__ Avatar

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Iris Wolff: Halber Stein

Hach, wie wunderschön geschrieben! Die Landschaftsbeschreibungen sind so detailliert, dass man fast meint, selbst im siebenbürgischen Dorf Michelsberg zu stehen: Man riecht die Erde, spürt die Sonne auf der Haut, hört das Rascheln der Blätter. Am liebsten würde ich die Koffer packen und hinfahren, die Leute kennenlernen, die Gastfreundschaft genießen und in dieser idyllischen Landschaft verschwinden.

Aber stopp! Worum geht’s eigentlich?
Wir begleiten die junge Sine, die nach dem Tod ihrer Großmutter Agneta zusammen mit ihrem Vater in das Dorf ihrer Kindheit in Rumänien zurückkehrt. Ein Ort, umgeben von Hügeln, Feldern und ruhiger Natur, an den sie seit über zwanzig Jahren keinen Gedanken verschwendet hat, und der ihr nun, wie eine Mischung aus Märchenkulisse und verstaubtem Fotoalbum vorkommt. Erinnerungen an Haus, Garten, Spiele und Menschen … Alles da, und doch irgendwie nicht greifbar.
Das alte Haus der Großmutter zieht Sine sofort in seinen Bann. Jeder Flur, jeder Winkel scheint zu flüstern: „Hier warst du mal, erinnerst du dich?“ Und langsam, ganz leise, kehren die längst vergessenen Bilder ihrer Kindheit zurück. Ein bisschen wie Träume, bei denen man nicht weiß, ob sie wahr sind oder nicht.

Im Dorf trifft Sine Julian, ihren Freund aus Kindheitstagen. Vertraut? Ja. Fremd? Auch. Gemeinsam streifen sie durch alte Wege und Plätze und Stück für Stück werden Erinnerungen hervorgespült, die sie längst vergessen glaubte. Gespräche mit Julian und den Dorfbewohner*innen lassen sie die Vergangenheit wie ein Puzzle zusammensetzen, nur dass ein paar Teile einfach verschwunden zu sein scheinen.
Parallel dazu macht sich Sine auf die Spurensuche nach der Geschichte ihrer Großmutter. Was hat Agneta erlebt, was musste sie zurücklassen, was hat sie entschieden? Alte Gegenstände, Fotos und Geschichten der Nachbar*innen öffnen ihr nicht nur die Tür zu Agnetas Leben, sondern auch zu Sinés eigener Identität.
Plötzlich merkt sie: Heimat ist nicht nur ein Ort, sondern ein Haufen Erinnerungen, die man sich zusammenklauben muss.

Der Stil von Wolff? Poetisch, detailverliebt, voller innerer Monologe. Perfekt, um sich Sine nahe zu fühlen. Leider bleiben andere Figuren, vor allem Julian, eher schemenhaft. Schade, denn ich fand, er war ein ziemlich interessanter Charakter. Und ja, seien wir ehrlich: Spannung? Fehlanzeige. Handlung? Plätschert gemächlich dahin. Vielleicht lag es an meiner eigenen Konzentration zu der Zeit, aber mit etwas mehr Pep und Spannung wäre ich sicher tiefer in der Geschichte geblieben. Aber genau das macht Halber Stein auch aus: ein leiser, stiller Roman über Erinnerungen, Heimat und das, was wir verloren glauben. Nicht actiongeladen, nicht hektisch, sondern nachdenklich, ruhig und irgendwie schön melancholisch.