Zurück zu den rumänischen Wurzeln
Einfluss von Heimat und Kultur auf die eigene Identität, familiäre Wurzeln in Rumänien
Und wieder ein nachdenklich machendes, poetisches Buch von Iris Wolff, erstaunlicherweise ihr Debütroman von 2012. Eine melancholische leise Wehmut liegt über der Reise des Malers Johann mit seiner Tochter Sine zum Begräbnis der Großmutter Agneta in ein Dorf der ‘Siebenbürger Sachsen’ in der Nähe von Hermannstadt (Sibiu), an den Ausläufern der Südkarpaten.
Alle Mitglieder der Familie sind vor ca. 20 Jahren nach Deutschland ausgewandert; alleine die Großmutter ist in ihrem großen Haus in Michelsdorf geblieben. Jeder geht mit dem Verlust der Heimat und des kulturellen Erbes anders um: Johanns Frau und sein jüngerer Bruder Georg haben mit der Vergangenheit abgeschlossen, Johann fährt alle zwei Jahre alleine nach Michelsberg, heute Cisnădioara, und seine Mutter besucht sie regelmäßig in Deutschland für zwei bis drei Wochen.
Vater Johann hat zwar immer versucht, die Tochter, die in Rumänien geboren ist und ihre Kindheit in Hermannstadt verbracht hat, für die Geschichte und Kultur Siebenbürgens zu interessieren, aber vergebens. Auch Rumänisch kann sie nicht. Hat also auch Sine ihre Kindheit in Siebenbürgen vergessen und mit der Vergangenheit abgeschlossen? Nach dem Abschluss ihres Studiums wohnt sie wieder bei den Eltern, bis sie weiß, welchen Berufsweg sie einschlagen will.
In Michelsdorf trifft Sina nicht nur ihren Kindheitsfreund Julian Eminescu wieder, der das Dorf noch nie verlassen hat, sondern sie stößt die ganze Zeit auf Erinnerungen und Spuren der reichen Kultur und Geschichte Siebenbürgens. Mit Julian zusammen erkundet sie die Umgebung und macht sich Gedanken um die Frage der Heimat und des Bewahrens von Kultur und Identität. Diese Fragen vertiefen sich in Gesprächen mit dem Pfarrer und dem Schriftsteller Balduin (227ff).
‘Es ist, als wartete überall, wo ich hinkomme, eine Erinnerung.’ (240)
Fragte sich Sine vorher, wie sie mit der ‘Pause in ihrem Leben’ umgehen soll, helfen ihr jetzt die Erinnerungen, ihre Wurzeln anzuerkennen und Stabilität zu gewinnen. Auf dem ‘halben Stein’ liegend (den es wirklich gibt), versteht sie:
‘Es gab nichts, das wir für immer verlieren konnten.’ (304)
Natürlich bleibt am Ende offen, welchen beruflichen Weg Sina einschlagen wird, ob die Familie Agnetas Haus und somit die verlorenen Heimat wirklich auf Dauer halten kann, aber zuerst einmal scheint sich einiges geklärt zu haben.
Das Buch geht über das Schicksal dieser Familie und der Siebenbürger Sachsen hinaus, denn es gibt viele Menschen, die ihre Heimat und ihre Kultur aufgeben mussten und müssen oder dem ‘verlorenen Paradies der Kindheit’ nachtrauern. Bewahren oder vergessen? Sicher gibt es eine Möglichkeit in der Kunst: in der Malerei, textiler Kunst und vor allem in der Literatur und wenn es nur für sich selbst geschriebene Texte sind.
In dieses leicht melancholische, poetisch geschriebene Buch sind nicht nur Informationen zur Geschichte und Kultur Siebenbürgens eingefügt, sondern es ist auch mit vielen klugen Gedanken gespickt, über das Sterben (91) und die Liebe (162/3), über Bücher (12, 312). Und nicht zuletzt wird uns die Landschaft zu Füßen der Karpaten bildhaft nähergebracht.
Am liebsten möchte man gleich dorthin in Urlaub fahren. Bis dahin ;-) kann ich für dieses wunderschöne lebenskluge Buch eine große Empfehlung aussprechen.
Und wieder ein nachdenklich machendes, poetisches Buch von Iris Wolff, erstaunlicherweise ihr Debütroman von 2012. Eine melancholische leise Wehmut liegt über der Reise des Malers Johann mit seiner Tochter Sine zum Begräbnis der Großmutter Agneta in ein Dorf der ‘Siebenbürger Sachsen’ in der Nähe von Hermannstadt (Sibiu), an den Ausläufern der Südkarpaten.
Alle Mitglieder der Familie sind vor ca. 20 Jahren nach Deutschland ausgewandert; alleine die Großmutter ist in ihrem großen Haus in Michelsdorf geblieben. Jeder geht mit dem Verlust der Heimat und des kulturellen Erbes anders um: Johanns Frau und sein jüngerer Bruder Georg haben mit der Vergangenheit abgeschlossen, Johann fährt alle zwei Jahre alleine nach Michelsberg, heute Cisnădioara, und seine Mutter besucht sie regelmäßig in Deutschland für zwei bis drei Wochen.
Vater Johann hat zwar immer versucht, die Tochter, die in Rumänien geboren ist und ihre Kindheit in Hermannstadt verbracht hat, für die Geschichte und Kultur Siebenbürgens zu interessieren, aber vergebens. Auch Rumänisch kann sie nicht. Hat also auch Sine ihre Kindheit in Siebenbürgen vergessen und mit der Vergangenheit abgeschlossen? Nach dem Abschluss ihres Studiums wohnt sie wieder bei den Eltern, bis sie weiß, welchen Berufsweg sie einschlagen will.
In Michelsdorf trifft Sina nicht nur ihren Kindheitsfreund Julian Eminescu wieder, der das Dorf noch nie verlassen hat, sondern sie stößt die ganze Zeit auf Erinnerungen und Spuren der reichen Kultur und Geschichte Siebenbürgens. Mit Julian zusammen erkundet sie die Umgebung und macht sich Gedanken um die Frage der Heimat und des Bewahrens von Kultur und Identität. Diese Fragen vertiefen sich in Gesprächen mit dem Pfarrer und dem Schriftsteller Balduin (227ff).
‘Es ist, als wartete überall, wo ich hinkomme, eine Erinnerung.’ (240)
Fragte sich Sine vorher, wie sie mit der ‘Pause in ihrem Leben’ umgehen soll, helfen ihr jetzt die Erinnerungen, ihre Wurzeln anzuerkennen und Stabilität zu gewinnen. Auf dem ‘halben Stein’ liegend (den es wirklich gibt), versteht sie:
‘Es gab nichts, das wir für immer verlieren konnten.’ (304)
Natürlich bleibt am Ende offen, welchen beruflichen Weg Sina einschlagen wird, ob die Familie Agnetas Haus und somit die verlorenen Heimat wirklich auf Dauer halten kann, aber zuerst einmal scheint sich einiges geklärt zu haben.
Das Buch geht über das Schicksal dieser Familie und der Siebenbürger Sachsen hinaus, denn es gibt viele Menschen, die ihre Heimat und ihre Kultur aufgeben mussten und müssen oder dem ‘verlorenen Paradies der Kindheit’ nachtrauern. Bewahren oder vergessen? Sicher gibt es eine Möglichkeit in der Kunst: in der Malerei, textiler Kunst und vor allem in der Literatur und wenn es nur für sich selbst geschriebene Texte sind.
In dieses leicht melancholische, poetisch geschriebene Buch sind nicht nur Informationen zur Geschichte und Kultur Siebenbürgens eingefügt, sondern es ist auch mit vielen klugen Gedanken gespickt, über das Sterben (91) und die Liebe (162/3), über Bücher (12, 312). Und nicht zuletzt wird uns die Landschaft zu Füßen der Karpaten bildhaft nähergebracht.
Am liebsten möchte man gleich dorthin in Urlaub fahren. Bis dahin ;-) kann ich für dieses wunderschöne lebenskluge Buch eine große Empfehlung aussprechen.