Rückzugsorte

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meisterlampe Avatar

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Inhalt siehe Klappentext.
Ich hatte vor einigen Monaten in einem Buchjournal einen Artikel über Kristine Bilkaus neuestes Buch „Halbinsel“ entdeckt und es auf meine Wunschliste gesetzt. Nun hat mir eine liebe Bekannte, die passenderweise in der örtlichen Bücherei arbeitet, von eben diesem Buch erzählt und ihre Begeisterung hat mich dazu bewogen, den Roman mit dem altrosa Titelbild direkt auszuleihen. Ausschlaggebend für mich war die Kombination Mutter-Tochter-Beziehung und die Region, in der die Geschichte spielt - Nordsee. Die 224 Seiten des Hardcovers sind schnell gelesen, anfangs konnte ich mich in Annett (Ende 40) wiedererkennen (obwohl meine Kinder jünger sind als Linn, Mitte 20), manchen Gedanken oder Sorgen hat man als Mutter immer. Zwar leben wir als komplette Familie, jeder unterstützt jeden, diese Hilfe blieb bei Annett und Linn durch Johans frühen Tod aus, aber Unstimmigkeiten gibt es dennoch. Ich denke, Annett handelt völlig normal nach ihrem ersten Verlust, da darf sie sich ruhig ein wenig mehr an die Tochter klammern. Ein Außenstehender versteht es vermutlich nicht. Nach etwas 2/3 des Buches wurde Linn mir unsympathischer. Mein Eindruck war, sie merkt nicht, wie sehr die Mutter an sie denkt, sich mitsorgt, vielleicht hat sie sich etwas zu viel eingemischt, aber die Tochter ist ihr eben nicht egal und sie ist trotzdem keine Helikoptermutter. Man muss als Kind, egal wie alt, sicher nicht vor Dankbarkeit vor den Eltern kriechen, aber etwas dankbarer könnte Linn schon sein - zumindest in diesem Zeitraum, den man per Buch mitbekommt. „Halbinsel“ ist nicht nur der Schauplatz, man kann sagen, die Familie ist durch den fehlenden Johan nicht mehr vollständig, eben nur halb. „Insel“ - ein Rückzugsort für jeden, alleine oder gemeinsam? Annett hat ihr Haus, ihren Garten, ihr Nachbarn, ihre Arbeit, aber was hat Linn? Stress bei der Arbeit, sie ist überfordert, will einfach raus aus allem, und das versteht keiner, nicht mal die Mutter. Ich kann mir vorstellen, dass man manche Themen am liebsten mit sich selbst ausmachen will, über die man nicht mit Mutter oder Tochter sprechen will, weil man ja doch nur klug gemeinte Ratschläge bekommt, die das Gegenteil bewirken. Zuhören ja, handeln nein, und das fällt beiden schwer.
Gut, aber stellenweise ergreifend zu lesen, macht nachdenklich, wird man selbst so, wenn die Kinder weggehen? Ein paar Stunden zur Ruhe kommen, es gibt keine Spannung und die Handlung ist nicht hochdramatisch, man liest einfach weiter, von mir gibt es 4 Sterne.