Abstoßend und mitreißend

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katzenminze Avatar

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Waldo ist 17 und sucht verzweifelt nach echter Verbindung. Ihr Körper mit all den neuen Rundungen fühlt sich noch nicht wie ihr eigener an. Die Jungs mit denen sie schläft, langweilen sie ab der Sekunde, in der sie sie in ihr Bett lässt. Ihre Mutter ist schon seit Jahren dauerabwesend, weil Männer ihr offenbar wichtiger sind, als ihre einzige Tochter. Und ihre beste Freundin ist vielleicht nur mit ihr befreundet, weil es für die Mormonin als gute Tat gilt, sich ein bisschen um White Trash wie Waldo zu kümmern. Nur Junkfood und exzessives Onlineshopping bringen Waldo kurzfristig etwas Ablenkung – bis die Schuldgefühle kicken.

Doch dann steht im Literaturkurs plötzlich Mr. Korgy vor ihr. Er spricht von seinem Scheitern als Autor und von absoluter Ehrlichkeit beim schreiben. Ist es diese Offenheit, die Waldo fasziniert? Jedenfalls ist sie sich sicher: Sie will diesem Mann, koste es was es wolle! Dass er verheiratet ist, ein kleines Kind hat und doppelt so alt ist wie sie – geschenkt.

In ihrem ersten Roman setzt McCurdy alles auf eine Story, die unbequem ist und provokant. Die derbe, direkt Sprache sorgt durchgehend für Unbehagen und ist oft abstoßend, aber gerade dadurch auch mitreißend. Sie schreibt wertfrei über Themen, die nach Wertung schreien. Sie schreibt schonungslos aber immer etwas distanziert.

Wir haben hier eine verbotene Beziehung bei der die Schuldfrage alles andere als Eindeutig ist. Viel Lust und Sex ohne jeglichen romantischen Filter, der gleichzeitig ekelhaft und trotzdem irgendwie erotisch ist. Und dann natürlich Waldo: Waldo ist eine tolle Figur. Vielschichtig und realistisch in ihrer Ambivalenz. Einsam und schneller erwachsen geworden als sie sollte, aber trotzdem immer noch ein Teenager. Sie wächst im Laufe des Romans über sich selbst hinaus; Mr. Korgy hingegen – der übrigens nie mit Vornamen angeredet wird, was das Machtgefälle durchgehend unterstreicht – wird mehr und mehr zum Klischee des Mannes, der er nie sein wollte.

Zwischendurch fand ich die Story etwas unoriginell, aber der Schluss hat mich dann wieder mit der Geschichte versöhnt. McCurdy liefert ein Zerrbild der ersten großen Liebe, bei der irgendwie alles falsch läuft, das aber trotzdem vollkommen realistisch wirkt. Der Roman ist ein Take auf Lust und Überkonsum, Klassenunterschiede, Einsamkeit und Macht, unbequem vom vorne bis hinten und gerade deswegen so gut!