Besessenheit
Der Roman ist keine leicht zu lesende Lektüre für nebenbei, sondern eine berührende, ehrliche und ungeschönte Beschreibung aus der Sicht der 17jährigen Waldo über ihr Alltagsleben und ihre Gefühlslagen. Waldo wächst in einem Trailerpark ohne Vater, mit einer kaum anwesenden Mutter auf und schlägt sich so gut sie es kann durchs Leben. Aus ihrer Verliebtheit in einen Lehrer, der mehr als doppelt so alt ist und Familie hat, wird eine Besessenheit, sodass sie ihn unbedingt für sich erobern möchte und von jemanden wahrgenommen und geliebt werden möchte. Dafür gibt sie sich selbst auf und passt sich dem älteren Mann und seinen Wünschen an, sie bettelt um Aufmerksamkeit und kompensiert ihre negativen Gefühle mit einer unkontrollierten Kaufsucht. In den ersten zwei, drei Kapiteln hat mich die vulgäre Sprache, die zu Beginn übertrieben eingesetzt wird, abgestoßen und dem Roman einen abwertenden Touch gegeben, aber durchhalten lohnt sich. Mit der Zeit kommen wichtigere Themen zur Sprache, von Machtmissbrauch durch Lehrpersonen, sexueller Ausbeutung, emotionale Abhängigkeit, süchtiges Kaufverhalten über Kindheitstraumata und fehlende Identität bzw. verschobene Selbstwahrnehmung. Die Mutter-Tochter-Dynamik finde ich gut beschrieben und auf der einen Seite weiß Waldo, dass es falsch ist sich von einem Mann in eine emotionale Abhängigkeit drängen zu lassen, sie sieht die gleichen Muster auch bei ihrer Mutter, aber dennoch kann sie selbst nicht aus diesem Muster ausbrechen. Die Beziehung zwischen dem über 40jährigen Lehrer mit einer 17jährigen Schülerin finde ich äußerst problematisch und unausgeglichen und es werden die emotionalen Achterbahnfahren aus beiden Sichtweisen geschildert. Traurig ist, dass sich Waldo niemandem anvertrauen kann, ihre Mutter ist ständig abwesend und mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, ihre Freundin ist streng religiös und kann nicht nachvollziehen, was Waldo durchlebt, und so lässt sie sich emotional in die ungünstige, ausbeutende Beziehung mit ihrem Lehrer ein, der ihr zuerst Verständnis suggeriert und Aufmerksamkeit und Lob schenkt.
Ich glaube, dass der Roman stark polarisieren wird, aber gerade dadurch die Diskussion über unbequeme Themen anregen wird und viele Gedankenanstöße liefert.
Ich glaube, dass der Roman stark polarisieren wird, aber gerade dadurch die Diskussion über unbequeme Themen anregen wird und viele Gedankenanstöße liefert.