Ehrlich. Dreckig und so tiefgründig.

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Waldo ist siebzehn und lebt in einer Kleinstadt in Alaska. Zu Hause ist sie meist allein, weil ihre Mutter kaum anwesend und emotional nicht erreichbar ist. Waldo fühlt sich oft unbeachtet und innerlich leer, ihr Leben begrenzt sich auf Nebenjob und Schule. Dort wirkt sie schlagfertig, gleichzeitig ist sie unsicher und sucht nach Nähe und Bestätigung. Als sie ihrem Lehrer Mr. Korgy näherkommt, der bereits Mitte vierzig und verheiratet ist, entsteht zwischen ihnen eine heimliche (sexuelle) Beziehung. Was zunächst mit Gesprächen und kleinen Momenten beginnt, wird immer intensiver und bestimmt zunehmend Waldos Leben.

Bereits die ersten Seiten des Romans haben mich fast sprachlos gemacht. Nicht, weil ich keine Sexszenen lesen mag. Es war die Art, wie diese formuliert wurden. Irgendwie neutral, von außen betrachtet, obwohl der Roman aus der Sicht der Protagonistin erzählt wird. Völlig nüchtern und sachlich, fast kalt. Das zieht sich durch unglaublich viele, detailliert beschriebene Sexszenen. Sie lassen wirklich nichts aus, wirkten auf mich aber nicht im Geringsten erotisch. Der Roman ist voller Sex und bleibt dabei doch völlig frei von Erotik, wahrscheinlich auch gerade weil er teilweise ins nahezu Ekelhafte driftet.

Was das Buch für mich erstklassig gemacht hat, ist die Tatsache, dass man anhand von Waldos Gedanken und Gefühlen erkennt, warum sie sich auf diese unverhältnismäßige Beziehung einlässt. Es beginnt damit, dass ihre Mutter sie als „schwer zu lieben“ bezeichnet, das später aber gaslightet und behauptet, sie hätte nur gesagt, Waldo sei „zu viel“. Das führt dazu, dass Waldo über sexuelle Kontakte testet, wer sie erträgt. Dabei muss sie erobern, weil sie dieses Gefühl von zu Hause kennt, wo sie um die Gunst ihrer Mutter kämpft. Aber auch hier bleibt @je der Verwendung ihrer Sprache treu. Ich konnte Waldos Gedanken und Schmerzen so sehr nachvollziehen, aber Mitleid wird durch die Sprache vermieden.
Bei all dem Sex und dieser verwerflichen Beziehung eines Lehrers mit einer Schutzbefohlenen war für mich der psychologische Aspekt am spannendsten. Waldos Entwicklung, ihre Emanzipation, das Erkennen ihrer Stärke.
Natürlich könnte ich als Lehrerin die Beziehung mit einer Schutzbefohlenen in den Fokus rücken. Aber die moralische Wertung ist hier klar. Das absolute NoGo ist auch im Roman deutlich erkennbar, das Warum in Form des Machtverhältnisses, Lebensstandards- und Erfahrung stets präsent.
Für mich ist dieser Roman unglaublich stark, weil es um so viel mehr geht. Wir bekommen einen tiefen Einblick in die Psyche einer verletzten, sich nach Aufmerksamkeit sehnenden Tochter und ihrer Suche nach Liebe, die beinahe zur Abhängigkeit wird. Zugleich zeigt sich aber auch der Vamp, mit dem Bedürfnis nach Eroberung und Sex.