ein Highlight

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moongirl Avatar

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Vorsicht die Rezension könnte Spoilern, lest das Buch am Besten mit so wenig Wissen zu der Story wie möglich.

„Ich bin nicht liebenswert. Ich bin gar nichts wert. Ich bin gleichzeitig zu viel und zu wenig.“

Dieser Satz bringt den inneren Zustand der siebzehnjährigen Waldo präzise auf den Punkt. Jennette McCurdys Roman Half His Age erzählt die Geschichte eines Mädchens, das verzweifelt verstanden und geliebt werden will, und dabei immer weiter den Kontakt zu sich selbst verliert. Das Buch ist zugleich faszinierend und verstörend, weil es schonungslos zeigt, wie sich emotionale Leere, Abhängigkeit und Machtungleichgewichte ineinander verschränken.

Waldo ist eine Jugendliche, die ihre innere Leere zunächst durch eine exzessive Shopping-Sucht zu füllen versucht. Später richtet sich dieses Bedürfnis nach Anerkennung und Sinn auf eine einzelne Person: ihren Lehrer Mr. Korgy. Waldo versucht, zu einer Version ihrer selbst zu werden, die geliebt werden kann, unkompliziert, anpassungsfähig, begehrenswert. Sie trägt täglich neue Masken, schlüpft in neue Identitäten, um nicht sie selbst sein zu müssen. Gerade dadurch verliert sie sich immer mehr. Ihre Stimmung und ihr Selbstwert hängen vollständig von den Reaktionen Mr. Korgys ab. Vor allem, dass sie ihn ausschließlich bei seinem Nachnamen nennt und niemals beim Vornamen, verweist auf das Machtgefälle und ihre Unterwürfigkeit ihm gegenüber. Waldo ordnet sich selbst zurück, um Nähe und vermeintliche Liebe zu erfahren.

Mr. Korgy ist Mann in der Midlife-Crisis. Er hat das Gefühl, in seinem Leben etwas verpasst zu haben, und Waldo erscheint ihm als willkommene Gelegenheit, diesem Gefühl zu entkommen. Ihre Jugend und Bewunderung verleihen seinem eintönigen Alltag einen Kick. Während er emotional aufgeht und sich bestätigt fühlt, gerät Waldo immer tiefer in eine Abhängigkeit. Bis sie eines Tages die harte Realität zu spüren bekommt.

Jennette McCurdys Schreibstil ist offen, direkt und ungeschönt. Die Autorin verzichtet bewusst auf romantisierende oder beschönigende Darstellungen und legt stattdessen die brutale Wahrheit offen. Half His Age will nicht gefallen, sondern ehrlich sein. Gerade diese Schonungslosigkeit macht den Roman so eindringlich und schwer auszuhalten. McCurdy zwingt die Leser*innen dazu, die Perspektive eines verletzlichen Mädchens einzunehmen und die Dynamiken emotionaler Manipulation und Selbstentfremdung mitzuerleben.
Insgesamt ist Half His Age ein beklemmender, aber wichtiger Roman über Selbstwert, Abhängigkeit und Machtmissbrauch. Die Geschichte verstört, weil sie glaubwürdig und nah an der Realität bleibt und genau darin liegt ihre Stärke. Wenn man das Buch aus der Hand legt, bleibt kein Gefühl von Trost, sondern eines von Nachdenklichkeit und Unruhe. Und genau das scheint die Absicht dieses Romans zu sein.