Gewollt anstrengend

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Half His Age von Jennette McCurdy hat mich beim Lesen und auch danach erstmal ratlos zurückgelassen. Zunächst einmal muss ich sagen, dass mir die Geschichte aus mehreren Gründen nicht sonderlich gut gefallen hat. Ich mochte die Protagonistin Waldo und ihren Lehrer Mr. Korgy gar nicht. Die Handlung fand ich zusammen mit der schnörkellosen, zum Teil derben Sprache eher anstrengend zu lesen und ich musste das Buch nach kurzen Passagen immer wieder zur Seite legen. Lesefreude hatte ich bis zum Ende nicht und auch dieses konnte mich letztendlich nicht zufriedenstellen oder positiv stimmen.

Und doch erkenne ich in der Thematik, die das Buch behandelt, durchaus einen gesellschaftlichen Wert, der auch in mir etwas angestoßen hat und Raum für Diskussionen bietet. Diese werde ich hier in Teilen aufmachen und einige Aspekte ansprechen, wodurch die Rezension durchaus spoilern könnte.
Denn Half His Age behandelt die Beziehung zwischen einer 17-jährigen Schülerin und ihrem mehr als doppelt so alten Lehrer. Vom Kennenlernen, der Entstehung der Beziehung, den Aufs-und-Abs bis schließlich zur Trennung. Die Beziehung weist aufgrund des Altersunterschieds, Waldos Minderjährigkeit und der Lehrer-Schülerin-Beziehung ein riesiges Machtgefälle auf und ist natürlich absolut problematisch. Dazu kommen dann noch Themen wie eine komplizierte, toxische Mutter-Tochter-Beziehung und als Bewältigungsstrategie übertriebenes Konsumverhalten.

Im ersten Moment, in dem ich die Geschichte reflektiert habe, dachte ich, dass hier eine eher untypische Dynamik dieser Beziehung zwischen Lehrer und seiner Schülerin beschrieben wird. Denn das Interesse, Fantasien und erste Annäherungsversuche gehen von Waldo aus. Dabei überschreitet sie auch mehrfach Mr. Korgys Grenzen, die er wiederholt kommuniziert und zunächst auch einhält. Allerdings weichen diese Grenzen nach und nach auf und er missbraucht Waldos Interesse und ihr verzweifeltes Bedürfnis nach Anerkennung und Liebe.
Was für mich zunächst nach einem Twist einer solchen Geschichte klang, habe ich auf den zweiten Blick in Frage gestellt. Vielmehr bildet diese Geschichte beispielhaft einen Teil der Bandbreite an individuellen Erfahrungen solcher Beziehungen ab. Denn in Waldos Verhalten liegt keinerlei Rechtfertigung dafür, dass sich Mr. Korgy letztendlich auf sie einlässt und damit seine Machtposition missbraucht. Auch nicht, dass sie "besonders reif für ihr Alter ist". Eine lahme vermeintliche Rechtfertigung von Männern, warum sie auf junge Frauen, zum Teil minderjährige Mädchen, stehen oder gar Beziehungen mit ihnen führen.

Abschließend fällt es mir sehr schwer, das Buch jetzt bewerten zu müssen. Habe ich das Buch gerne gelesen? Leider nein. Sollte mensch das Buch gelesen haben? Nicht unbedingt, ich konnte wenig bis nichts Neues aus der Geschichte ziehen. Diese beispielhafte Geschichte ist dafür - tragischerweise - zu alltäglich. Bietet der Roman dennoch eine Erinnerung, sich unter anderem mit dem Thema Machtmissbrauch in Lehrer-Schülerin-Beziehungen auseinanderzusetzen und schafft dafür einen Raum für Diskussionen? Definitiv! Besonders, da McCurdy eine gewisse Reichweite mitbringt und viele, die solch eine Thematik nie gelesen hätten, schon alleine ihres Namens wegen zu dem Buch greifen werden.