Half his age: Schonungslos, direkt und ehrlich

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downey_jr Avatar

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Das Cover des Romans „Half his age“ von Jennette McCurdy polarisiert sicher, doch der Inhalt hat mich neugierig gemacht: Die 17jährige Waldo ist ein Kind der Unterschicht und sie hat ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht so recht gefunden. Ihre alleinerziehende Mutter ist kaum zuhause, sondern rennt irgendwelchen Männern hinterher. Währenddessen ist Waldo auf sich gestellt, muss neben der Schule noch jobben, um Geld zu verdienen. Und sie füllt ihr Leben mit bedeutungslosem Sex mit Gleichaltrigen und Onlineshopping.

„Natürlich weiß ich, dass man mit einem Rouge sein Leben nicht umkrempeln kann, aber trotzdem ist es schön, in den drei Tagen Lieferzeit daran zu glauben. Es ist schön, daran zu glauben, dass nur ein Rouge-Stift den Unterschied ausmacht zwischen Margot Robbie und mir. Es ist schön, an Versprechen zu glauben, auch wenn es bloß leere sind.“

Doch dann verliebt sie sich unsterblich in Mr. Korgy, ihren Lehrer für kreatives Schreiben. Der ist zwar nicht wirklich attraktiv und zudem verheiratet mit Kind, doch Waldo ist sich sicher: Nur mit ihm kann sie glücklich werden!
Wir sind bei Waldos heimlicher Affäre zu Mr. Korgy hautnah dabei, besonders die Einblicke in ihr Innenleben fand ich hier sehr gelungen. Die expliziten Schilderungen, was Waldos Körperlichkeiten und Gefühle angeht, mag nicht jedem behagen; aber gerade die brutale Ehrlichkeit empfand ich als eine Stärke des Romans.

„Er war von meinen Texten, die ich über meine Herkunft geschrieben habe, beeindruckt, aber es wirklich mit eigenen Augen zu sehen, ist eine andere Sache. Die Leute haben nämlich Angst, dass die Armut auf sie abfärben könnte. Und der schlechte Geschmack, der dazugehört. Sie lesen lieber ein Buch darüber. Oder gucken einen Film, in dem Jennifer Lawrence so tut, als wäre sie arm, während ihr Achthundert-Dollar-Highlighter in den Nahaufnahmen schimmert. Aber sie wollen nicht wissen, wie es tatsächlich ist, oder dem auf eine echte Art nahe kommen. Außer vielleicht mit einem Scheck über ein- oder zweitausend Dollar, den sie um die Feiertage herum an die Heilsarmee oder ans Rote Kreuz ausstellen. Aber setzt man sich der Armut damit überhaupt aus? Oder ist das nur wieder eine Art, sich noch mehr davon zu distanzieren?“

Mir hat Jennette McCurdys Roman über Klassenunterschiede und Armut, Liebe und Begehren, Sex, Konsum, Wut und Macht insgesamt sehr gut gefallen. Ihr Schreibstil ist schmerzhaft ehrlich und schonungslos direkt. Derb, aber nicht zu heftig. Es kamen alle Emotionen sehr gut rüber, es war mal lustig, aber auch erstaunlich tiefgründig.
Vor allem Waldo als Protagonistin mit all ihrer Direktheit fand ich sehr sympathisch. Auch die Beziehung zu ihrer Mutter und deren Verhalten war gut dargestellt; nur Mr. Korgy blieb als Charakter (vor allem anfangs) ein wenig blass für mich.
Waldos Wandlung im Laufe der Geschichte fand ich aber sehr gelungen und das Ende stimmig.

„Ich will, dass die Wut in mir hochkocht. Dass sie mich dazu bringt, ihre Schmuckschale an die Wand zu werfen und sie zur Rede zu stellen. Sie zu fragen, wie lange sie mich schon anlügt. Und sich selbst. Zu fragen, wann sie aufgehört hat, zu den Meetings zu gehen. Oder ob sie immer noch hingeht und sich zweiteilt wie Jekyll and Hyde. Ich will schreien. Oder heulen. Aber stattdessen starre ich sie bloß an, und dann werde ich von etwas Unbeschreiblichem überschwemmt.
Einer Welle der Erkenntnis. Des Friedens. Der Freiheit. Diese Art von Frieden und Freiheit, die sich nur einstellt, wenn man keine Erwartungen mehr an jemanden hat. Wenn man die Version einer Person, die man unbedingt haben wollte, die man gebraucht hätte, loslässt, und sobald man das loslässt, verschwindet auch all der Groll, der damit verbunden war.“

Vielen Dank an den Blumenbar Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!