Schmerzhaft ehrlich

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sonnenblumeberlin Avatar

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Half His Age ist kein Roman, der gefallen will – und genau darin liegt seine Stärke. Was wie eine bekannte Konstellation beginnt (junge Schülerin, älterer Lehrer), wird von McCurdy konsequent entromantisiert. Statt Skandal oder verbotener Liebe liefert sie eine schonungslose Studie über Begehren, Machtgefälle und das verzweifelte Bedürfnis, gesehen zu werden.
Waldo ist eine Protagonistin voller Widersprüche: klug, wütend, verletzlich, oft unangenehm nah an der eigenen Erinnerung an jugendliche Unsicherheit. Der Roman bleibt radikal in ihrer Perspektive und zeigt präzise, wie emotionale und soziale Abhängigkeit entsteht – leise, schleichend, ohne große Gesten. Besonders stark ist der Blick auf Klasse, Konsum und weibliche Sozialisation, die Waldos Handeln prägen, ohne je belehrend zu wirken.
Die Sprache ist direkt, roh und mitunter schmerzhaft ehrlich. McCurdy glättet nichts, erklärt nichts zu Ende, lässt Unbehagen stehen. Half His Age tut weh – aber genau deshalb bleibt es hängen. Kein leichtes Buch, kein Trostpflaster. Dafür ein mutiger, kluger Roman, der lange nachwirkt.