Waldo, eine grandiose Antiheldin.

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literaturentochter Avatar

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»Ganz plötzlich finde ich Mr. Korgy anziehend. Erschreckend plötzlich. Es ist so deutlich spürbar, dass es mich ganz verwirrt.« (S. 16)

Waldo ist siebzehn und steht kurz vor ihrem Collegeabschluss. Zusammen mit ihrer Mutter lebt sie in einer Zweizimmerwohnung in Anchorage, Alaska. Das Verhältnis der beiden ist kompliziert. Wo eigentlich warme Worte und interessierte Gespräche stattfinden sollten, bekommt Waldo nur Klebezettelchen. Zu beschäftigt ist ihre Mom mit Dating — dem Finden und Hoffen auf die ganz große Liebe. Das Leben von Waldo verläuft unspektakulär. Sie verdient ein bisschen Geld als Verkäuferin bei Victoria’s Secret und gibt es beim Onlineshopping direkt wieder aus. Das Füllen virtueller Warenkörbe spendet der Siebzehnjährigen Trost. Als sie einen Crush auf ihren neuen Lehrer – Mr. Korgy – entwickelt verändert sich ihr Lebensinhalt drastisch.

Unter der Aufmerksamkeit ihres Lehrers blüht Waldo auf. Mr. Korgy ist doppelt so alt als Waldo und lebt ein durchschnittliches Leben mit Frau und Kind. In den Augen einer Siebzehnjährigen müsste er als Fossil durchgehen, doch Waldo sieht in Mr. Korgy einen Mann der vor Intelligenz und Charme strotzt. Waldo hat ein Ziel und es führt kein Weg daran vorbei, dass sie sich holt was sie will!

Ehrlich und ungeschönt führt uns Jennette McCurdy in Waldos Gedankenwelt ein. Ohne Zweifel lasse ich mich auf die Geschichte ein und merke schnell, dass ich immer mehr davon will. Was für Waldo Mr. Korgy ist, ist für mich der Stoff der Story. Ich kann das Buch kaum weglegen und verzehre mich danach. Was mich vor allem fesselt ist die rohe Sprache und der Umgang der Figuren miteinander. Hier ist kein Platz für eine wertende Stimme oder Moral. Hier wird die Faktenlage von der emotionalen Seite eingenommen und das fühlt sich verdammt gut an.

Ich kann mich mit Waldo amüsieren, möchte sie trösten und ihr zujubeln. Ihr Charakter hat Ecken und Kanten – jedoch erliege ich ihrer Art mit jeder Seite mehr und mehr. Das Buch kommt ohne viele Nebenschauplätze aus um zu begeistern. Die Anzahl der wichtigen Figuren ist auf ein Minimum reduziert und holt mich auch gerade deswegen ab. Es geht um die Sache zwischen Waldo und Mr. Korgy! Die Beziehung zwischen Waldo und ihrer Mom empfinde ich als einen wichtigen Baustein, um Waldo verstehen zu können. Hier zeigt sich, wie Parentifizierung und Gefühlserbschaft funktionieren. Auch das Thema Klassenunterschied wird an vielen Stellen thematisiert. Dabei verliert das Buch aber keinesfalls seine Leichtigkeit!

»Früher habe ich nicht gewusst, dass sich das weiße Unterschichtdasein von Mom und mir in jedem Detail unserer Umgebung niedergeschlagen hat. In allen unseren Entscheidungen. Eine Lampe ist doch einfach eine Lampe, dachte ich.« (S. 120)

Ein Pageturner, auf den ich mindestens so obsessed bin wie Waldo auf Mr. Korgy!