Leise Eskalation mit eindringlichen Ende

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skymichaelis Avatar

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Welch Fiebertraum. Im allerbesten Sinne eines intensiven Leseerlebnisses.

Als ich den Klappentext gelesen habe, dachte ich zunächst, die Geschichte würde in Richtung sektenähnlicher Behaviour Modification Schools gehen. Da ich die Netflix-Dokumentation „Das Programm – Hinter den Kulissen der Disziplinierungsindustrie“ gesehen habe, bin ich vermutlich mit der Erwartung an deutlich krassere Szenen herangegangen. „Happy Head“ ist jedoch subtiler.

Man merkt von Anfang an, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Dennoch dauert es eine Weile, bis sich die Ereignisse wirklich zuspitzen. Die Verbindung zur Dokumentation war dabei nur mein eigener Gedanke, denn die Inspiration des Autors liegt woanders. Der aktuelle Mental Health Trend hat ihn dazu bewegt, ein Setting zu erschaffen, in dem mit einem besseren, glücklicheren Leben geworben wird, während sich dahinter etwas Düsteres verbirgt. Das macht die Geschichte erschreckend aktuell.

Im Kern geht es um Manipulation und Gaslighting. Ich musste dabei auch an das Euthanasieprogramm des Zweiten Weltkriegs denken. Alles beginnt vergleichsweise harmlos und steigert sich zunehmend. Die Challenges werden immer intensiver. Teilweise fühlte ich mich auch an den Film „Das Experiment“ erinnert, der auf einem realen Fall basiert. Insgesamt bleibt es etwas abgeschwächt, da es sich um ein Jugendbuch handelt, dennoch ist es eindringlich und vor allem auf den letzten Seiten sehr fesselnd.

Zwischendurch empfand ich die Handlung jedoch als etwas schleppend. Möglicherweise lag das auch an meiner Erwartungshaltung. Die Charaktere sind sehr unterschiedlich angelegt, was ich grundsätzlich positiv sehe. Im Hinblick auf das Thema schwierige Jugendliche hätte ich mir jedoch stellenweise mehr Rebellion gewünscht. Bis auf wenige Ausnahmen bleiben die Teilnehmer des Happy Head Programms erstaunlich ruhig. Selbst Finn, der als schwierig beschrieben wird, wirkt weniger widerspenstig als erwartet. Natürlich ist mir bewusst, dass dies Teil der Inszenierung des Programms ist und um ihn bewusst ein bestimmtes Image aufgebaut wird. Trotzdem hätte ich mir hier etwas mehr Mut im Character Building gewünscht. Gerade im Mittelteil hätte das der Geschichte mehr Tiefe und Eigenständigkeit verleihen können.

Damit bleibt „Happy Head“ für mich ein sehr gutes Buch, das sein volles Potenzial nicht ganz ausschöpft. Am Ende konnte es mich jedoch überzeugen. Zwischenzeitlich war ich kurz davor, nur drei Sterne zu vergeben. Letztlich sind es starke vier Sterne geworden und ich würde am liebsten direkt mit Band zwei weitermachen.

Mein Fazit lautet daher: Dranbleiben lohnt sich. Die Spannung steigt.