Kein Entkommen!

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la calavera catrina Avatar

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«Happy Heat» ist ein packender Near-Future-Fiction-Thriller und Auftakt einer Reihe, in dem Autor Josh Silver die psychische Gesundheit junger Menschen in einer zunehmend zerstörerischen Welt mit einer queeren Liebesgeschichte vor dem Hintergrund eines experimentellen Mental-Health-Programms kombiniert.

Der siebzehnjährige Seb ist Hauptfigur und nimmt nur widerwillig am HappyHeat-Program teil. Keiner seiner Freunde und Mitschüler wurde ausgewählt, seine Mutter gibt ihm deshalb zu verstehen, wie einzigartig diese Chance ist, sein Leben wieder auf die Spur zu bringen. Obwohl man seine Familie nur auf der Hinfahrt kennenlernt, legen Sebs Erinnerung die Vermutungen nahe, dass seine gläubigen Eltern nicht glücklich über sein bisheriges Verhalten sind und er sie stolz machen möchte, um sich geliebt zu fühlen. Dort setzt das Programm an und ich hab mich gefragt sich, ob Seb sich treu bleiben oder die an ihn gerichteten Ansprüche erfüllen wird.

Mir hat besonders gefallen, dass sehr nah aus der Perspektive von Seb erzählt wird, der über ein bisschen Humor und viel Sympathie verfügt. Dazu gehört auch, dass man durch seine Bewusstlosigkeit blind wird und auf seinem Kenntnisstand bleibt. Das gibt einem das Gefühl, selbst am Programm teilzunehmen. Ich war durchweg gespannt, welche Aufgabe das Giftgrüne Team von Seb oder nur ihn allein als Nächstes erwartet. Davon gibt es einige und sie sind alle abwechslungsreich und spannend – auch was die Textgestaltung angeht. Die Mitarbeiter sind unheimlich gut gelaunt, die Regeln sind streng und für Gehorsamkeit und Erfolge winken Belohnungen. Der rätselhafte Finn, zu dem Seb sich hingezogen fühlt, und Seb verhalten sich ganz unterschiedlich. Finn rebelliert, während Seb Vertrauen aufbaut und die Anerkennung genießt. Jedoch bringt die Zuneigung zu Finn ihn dazu, sein Verhalten zu hinterfragen. Der Traum vom Ende des Unglücklichseins, der in London tragisch seinen Anfang nahm, regt zum Nachdenken an. Autor Josh Silver bringt seine beruflichen Erfahrungen ein und trifft den richtigen Ton, der vermittelt, aber den Spaß nicht vermissen lässt. „Einem Ort, an dem sie dazu ermutigt würden, auch mal ein Blick über den Tellerrand zu werfen und sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Dazu, zu verstehen, was Gemeinschaft wirklich bedeutet. Dazu, sich einmal zu fragen, was Erfolg eigentlich ist und welchen Wert er für diese Gesellschaft – und für sie ganz persönlich – hat.“

Von jemandem der Teilnehmer fällt früh der Vergleich mit ‹Squid Game›, einer südkoreanische Netflix-Serie, bei der es um tödliche Überlebensspiele geht, der auch vom Verlag aufgegriffen wird. In meinen Augen weckt der Vergleich falsche Erwartungen oder schreckt wohlmöglich ab, denn «Happy Head» ist unproblematischer. Obwohl einige sensible Themen vorkommen (die ausführlich aufgelistet sind), wird auf unnötige oder reißerische Darstellungen verzichtet, und ich hatte den Eindruck, dass diese sprachlich verantwortungsvoll und altersgerecht behandelt wird. Man bleibt größtenteils im Unklaren, wofür die Aufgaben sind und welche Schlüsse daraus für die Teilnehmenden gezogen werden, was es spannender macht. Ich hätte am liebsten jede freie Minute weitergelesen. Es ist nicht wild konstruiert, was mir gut gefallen hat, allerdings auch weniger wendungsreich, als ich gedacht hätte.
Obwohl die queere Liebesgeschichte zwischen Seb und Finn nicht im Mittelpunkt steht, gibt es herzerwärmende Augenblicke, die Seb Kraft geben. Wenn ich an den unterhaltsamen Badezimmerpakt denke, ist Sebs Entwicklung greif- und nachvollziehbar, und nimmt ebenso zu, wie der Spannungsbogen, der auf den letzten Seiten zu explodieren scheint, während man in einem Cliffhanger zurückgelassen wird. Auf die Fortsetzung muss ich mich bis zum Herbst 2026 gedulden, aber ich kann es kaum erwarten, wieder in Sebs Rolle einzutauchen und zu erfahren, wie es weitergeht.