Authentische Charaktere in leicht märchenhafter Geschichte

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ryria Avatar

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Hazel zieht zusammen mit ihrer Familie vor ihrem letzten Schuljahr nach Riverburg, wo ihr Vater einen besseren Job bekommen hat und die Familie sich ihren Traum vom eigenen kleinen Haus erfüllen will. Blöd nur, dass Hazels Schuljahr alles andere als traumhaft beginnt: Der Direktor eröffnet ihr, dass sie die diesjährige Auserwählte ist, die eine sexuelle Beziehung mit ihm eingehen "darf". Hazel hat verständlicherweise so gar keine Lust darauf, sagt Nein und so kommt der Stein ins Rollen...

Zunächst sollte erwähnt werden, dass ich dieses Buch nicht als super realistische Erzählung des doch so wichtigen Themas aufgefasst habe, sondern vielmehr als Geschichte, die Betroffenen Mut macht. So ist der Anfang durchaus sehr erschreckend und erinnert leider sehr an das, was bei ähnlichen Fällen in der Gesellschaft passiert. Mittelteil und Ende hingegen werden zunehmend märchenhafter, was im ersten Moment vielleicht etwas befremdlich wirken kann und sich als leichter Stilbruch darstellt. Die Autorin hat generell so einiges im Buch auf die Spitze getrieben, wodurch aber auch wiederum gut deutlich gemacht wird, wie sehr kleine Situationen eskalieren können.

Ich hatte öfters das Gefühl, dass meine Kritikpunkte an der Handlung und dem Schreibstil der Autorin durchaus bewusst waren, sie dies aber gezielt ignoriert hat als Stilmittel, um das Buch zu formen.
Hierzu gehörten das bereits erwähnte leicht übertriebene Geschehen, das teilweise Ignorieren des Grundsatzes "Show, don't tell" und die Fülle an Themen. Statt sich auf Hazel zu fokussieren, werden mehr und mehr Problematiken wie Cancel Culture oder Antisemitismus eingebracht, jedoch oft nur oberflächlich und man fragt sich, ob das jetzt noch sein musste.

Sehr gelungen waren dafür zweifelsohne die Charaktere bzw. die vier Familienmitglieder, aus deren Perspektiven wir die Geschichte verfolgen können. Ihre Gefühle, Handlungen und Reaktionen haben auf mich sehr authentisch gewirkt und man konnte recht gut mitfühlen. Dies gelingt auch vereinzelt bei Nebenfiguren, jedoch bleiben diese generell eher blass. Auch dem Direktor wird keine große Bühne gegeben, was mich überrascht hat, aber wiederum gut zum Ton des Buches passt. Das Wenige, was man von ihm mitkriegt, ist dafür nur leider auch erschreckend realistisch.
Insgesamt eine gut zu lesende Erzählung über ein wichtiges Thema mit kleineren Schwächen.