Ein Nein und seine Folgen: Spannender Plot, Umsetzung nur teils gelungen - 3,5⭐️

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downey_jr Avatar

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"Hazel sagt nein" von Jessica Berger Gross kommt vom Cover her sehr unauffällig daher, doch der Plot hat es wirklich in sich.

Die 18-Jährige Hazel Blum freut sich auf eine großartige Zukunft. Ihre Familie ist gerade von New York ins beschauliche Riverburg gezogen, auch um ihren Traum von einer Zukunft an einem Liberal Arts College und einer Karriere als Schriftstellerin zu ermöglichen. Ihr Vater hat eine Professur dort angenommen, die einige finanzielle Annehmlichkeiten bietet.
Doch gleich an ihrem ersten Tag an der neuen Highschool ändert sich Hazels Leben auf völlig unerwartete Art und Weise:

"Manche Leute [....] behaupten, dass sich innerhalb eines Augenblicks alles ändern kann. Nach Hazels (zugegeben begrenzter) Erfahrung stimmte das nicht. Veränderung, ob politische oder private, dauerte ewig, und allgemein kam nicht viel dabei herum. Wir schleppen uns voran wie Raupen, bis wir unter dem Stiefel des Patriarchats und der Hausarbeit zermalmt werden. Erst an einem Morgen in Maine, am ersten Tag ihres letzten Schuljahres an der Highschool von Riverburg, erkannte Hazel, wie naiv sie gewesen war. Selbstverständlich konnte sich von einem auf den anderen Moment alles ändern. Nur bei ihr das bis dahin noch nicht passiert."

Hazel kann es nicht fassen, als der Schuldirektor sie in sein Büro rufen lässt und ihr eröffnet, dass er sich jedes Jahr eine Schülerin der Abschlussklasse für eine s*xuelle Beziehung aussucht - und dieses Jahr ist sie seine Auserwählte. Doch womit der Direktor nicht gerechnet hat: Hazel sagt Nein!

Doch damit ist es leider nicht getan:
"Als Hazel zum Direktor Nein sagte, hatte sie geglaubt, die Demütigung wäre damit vorbei. Doch jetzt wurde ihr klar, dass diese womöglich erst begann."

Hazels Reaktion setzt eine Reihe von Ereignissen in Gang, die nicht nur ihr Leben und das ihrer Familie, sonder auch der ganzen Stadt auf den Kopf stellen.


Der Schreibstil ist ein recht gelungener Mix aus ernsthaft und unterhaltsam; dennoch fehlte es mir stellenweise etwas an Tiefe.

Hazels Entwicklung gefiel mir insgesamt recht gut, vor allem gegen Ende hin:
"Dad [...] trank auf ihre 'erstaunliche Leistung'.
Nur, dass nicht sie das geschafft hatte. Überhaupt nicht. Sondern er, Dick White. Denn Hazel wusste, und ihren Eltern musste das auch klar sein, außer sie machten sich etwas vor - und wahrscheinlich war es der ganzen Welt klar -, dass Hazel ein paar (absolut beschissene) schreckliche Minuten ihres Lebens genommen und ausgepresst hatte wie ihre Mutter ihre morgendliche Grapefruit. Bis auf die Schale. Sie hatte es nicht aus eigener Kraft ans Vassar geschafft. Sie hatte die Hilfe des Schuldirektors gebraucht.
Denn wer hätte sie gewollt, wenn White sie nicht gewollt hätte?"

Dass Hazel am Ende so klarsichtig und stark ist, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen, fand ich einen gelungenden Abschluss.

"Aber ich verstehe das nicht. Warum willst du dein Buch nicht mehr schreiben?"
" ich sage nicht, dass ich nie eins schreibe. Vielleicht später mal einen Roman ich weiß es nicht!
[...]
Ich schätze, ich ... ich fühle mich dafür noch zu jung. So was passiert immer noch ständig, wisst ihr? Und ich will nicht darüber definiert werden. Über White. Ich denke, ich kann so viel anderes sagen, aber ich weiß eigentlich noch nicht, wie ich es sagen soll."

Mit dem (mangelnden) Handeln ihrer Eltern konnte ich mich dagegen (selbst Mutter) nicht so ganz anfreunden; den kleinen Bruder Wolf fand ich dagegen sehr sympathisch.

Insgesamt wurden meine (zugegebenermaßen sehr hohen!) Erwartungen an die Ausarbeitung der spannend klingenden Ausgangssituation leider nicht ganz erfüllt. Ich hätte mir etwas mehr „Schlagkraft“ gewünscht; vieles verlief mir insgesamt zu glatt.
Ich vergebe final 3,5 von 5 Sternen.

Vielen Dank an den Lübbe Verlag und an www.lesejury.de für dieses Rezensionsexemplar!