Gute Geschichte, falscher Fokus

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skymichaelis Avatar

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Der Roman ist gut zu lesen, wird seinem Thema jedoch nicht immer gerecht. Um zunächst irreführende Vermutungen zu entkräften, die durch Cover und Klappentext entstehen könnten: Hazel sagt Nein behandelt sexuellen Missbrauch oder Gewalt nicht explizit. Auch der Machtmissbrauch des Schulleiters wird nicht bis ins Detail ausgearbeitet.

Worum geht es also stattdessen? Am ehesten lässt sich der Roman als eine ernstere, reifere Version von Gilmore Girls beschreiben. Im Mittelpunkt steht der Umzug der Familie Bloom aus der schillernden Großstadt in eine amerikanische Kleinstadt. Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive aller Familienmitglieder: der 18-jährigen Hazel, ihres 11-jährigen Bruders Wolf sowie der Eltern Claire und Gus. Letztere bleiben jedoch in Charakterzeichnung und Handlung auffallend blass. Ihre Passivität wirkt stellenweise überzeichnet, sodass man sie eher als Nebenfiguren hätte einsetzen können, um den Kindern mehr Raum zu geben.

Der Roman beginnt sehr stark, verliert jedoch in der Mitte an Spannung und kippt beinahe in eine märchenhafte Fügung. Hazel kommt insgesamt zu gut davon. Das kann Leser*innen Mut machen, selbst den Mund aufzumachen, blendet jedoch die Realität vieler Betroffener aus. Häufig fügt sich das Leben nach einem solchen „Nein“ eben nicht zum Guten, sondern entwickelt eine zerstörerische Dynamik. Diese Realität bleibt im Roman weitgehend unberührt.
Zwar überzeugt das Buch mit einigen gelungenen Dialogen und einer kritischen Auseinandersetzung mit Image, Wahrheit und öffentlicher Wahrnehmung. Der Schulleiter selbst verkommt jedoch zur Randfigur. Das kann man als bewusste Entscheidung verstehen, Tätern keine Bühne zu geben. Literarisch funktioniert dieser Ansatz jedoch nur bedingt, denn für Betroffene bleibt der Täter meist lange alles andere als eine Nebenfigur.

Ein weiterer Punkt, der das Lesen stellenweise schwierig machen kann, betrifft die Darstellung von Neurodivergenz. Wolf wird als Kind mit ADHS eingeführt, jedoch häufig lediglich als nervig oder anstrengend beschrieben, ohne dass dies im Text wirklich eingeordnet oder erklärt wird. Gerade für neurodivergente Leser*innen kann das schmerzhaft sein, da es ein sehr reales Erleben widerspiegelt: als störend oder seltsam wahrgenommen zu werden, ohne dass jemand die Hintergründe benennt oder vermittelt. Diese Perspektive bleibt im Roman leider unreflektiert und reproduziert damit genau jene Sprachlosigkeit, die viele ND-Menschen aus ihrem Alltag kennen.

Als Roman über sexuellen Missbrauch überzeugt Hazel sagt Nein daher nur eingeschränkt. Als Kleinstadtgeschichte über eine junge Frau, die trotz Zweifel und Verletzlichkeit für sich und ihren Standpunkt einsteht, funktioniert das Buch deutlich besser. Mit einem anderen Ausgangspunkt wäre die Geschichte für mich runder gewesen: kein Schulleiter, sondern etwa dessen Sohn, der glaubt, aufgrund von Beliebtheit und sozialer Stellung jedes „Nein“ übergehen zu können. Auch hier hätte Hazels Ablehnung Gewicht gehabt, ohne sexuellen Missbrauch zum zentralen Thema zu machen. Machtmissbrauch, Gerüchte, Image und Feminismus hätten ebenso verhandelt werden können, und der restliche Roman hätte mit kleinen Anpassungen hervorragend gepasst.
Denn letztlich erzählt das Buch von einer jungen Frau mit dem Wunsch, Schriftstellerin zu werden, die lernt, zu ihrem „Nein“ zu stehen und trotz Widrigkeiten ihren eigenen Weg zu gehen. Die Perspektiven der übrigen Familienmitglieder ergänzen dies durch kleinere und größere Alltagskonflikte. Insgesamt ist Hazel sagt Nein ein Roman der leisen Töne, der sich ein zu schweres Thema gewählt hat, dem er nicht vollständig gerecht wird. Wer darüber hinwegsehen kann, erhält eine gesellschaftskritische Kleinstadtgeschichte, die jedoch stellenweise zu sehr auf amerikanisierte, glückliche Fügungen setzt.