zweigeteilter Schwerpunkt

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sarahjanebooks Avatar

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Ich hatte Angst vor diesem Buch. Wie sehr will ich mich mit einem übergriffigen Direktor beschäftigen? Wie viel kann ich in zweiter Hand mit Hazel mitleiden? Wie stark werde ich mich über die - vermutete - Opfer-Täter-Umkehr und ungerechte Behandlung aufregen?

Hazel sagt Nein war einerseits genauso schlimm wie ich erwartet hatte, und andererseits ganz anders. Das erste Drittel beschäftigt sich mit dem Übergriff des Direktors und der Kette von Ereignissen, die dadurch angestoßen werden. Dann nimmt das Buch plötzlich eine Wendung, die für mich dem Buch seine Besonderheit nimmt.

Gut gefiel mir, dass nicht nur Hazel im Vordergrund stand, sondern auch ihre Eltern und ihr Bruder viel Platz eingeräumt bekommen. So wird klar, wie die ganze Familie unter dem Direktor und seinem Übergriff leidet - sowohl, weil sie mit Hazel mitfühlen, als auch weil sie ebenfalls mit angegriffen werden.

Gleichzeitig verliert das Buch so manchmal seinen Fokus, was leider ein durchgehendes Problem für mich war: Claire, Hazels Mutter, sucht eine neue berufliche Herausforderung - das bringt die Handlung für mich nicht weiter, anders als ihr Versuch, Hazel zu unterstützen. Auch werden Antisemitismus angesprochen, auf Unterschiede Stadt-Land in den USA eingegangen, Cancel-Culture allgemein aufgebracht. Das hätte es alles nicht gebraucht für ein gutes Buch. Die Autorin scheint ganz viele Themen ansprechen zu wollen und verwässert dabei leider etwas die starke Thematik, die eigentlich im alleinigen Vordergrund stehen sollte.

Ab ungefähr dem zweiten Drittel wechselt der Schwerpunkt komplett, was schwer ist, ohne Spoiler zu beschreiben. Ohne zu genau zu werden: Hazel geht im Zusammenhang mit dieser Tat viral. Ab da läuft die Handlung sehr glatt, was ich in der Größenordnung und Glätte unrealistisch fand - und wieder: nach dem Klappentext habe ich mir etwas ganz anderes vorgestellt, der bezieht sich eigentlich nur auf die knapp ersten 200 Seiten. Das war mir zu oberflächlich und amerikanisch.
Für sich stehend gefällt mir diese neue Entwicklung übrigens, aber innerhalb dieser Geschichte war der Bruch einfach zu groß, für mich, und für das angedeutete Thema des Klappentexts auch unnötig.

Hazel sagt Nein ist sprachlich ein gut zu lesendes Buch, das immer mal wieder durch Artikel, Mails oder Chats aufgebrochen wird und keinen zu anstrengenden Satzbau nutzt. Dennoch ist es ansprechend geschrieben.