Cooler Surfer Krimi

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laumannmaxi Avatar

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Die Leseprobe packt mich direkt über Atmosphäre und Körpergefühl: Noch vor Sonnenaufgang steht der Erzähler am Surftower, das Meer ist „entfesselt“, und schon auf den ersten Seiten wird klar, dass Surfen hier nicht Kulisse, sondern Nervensystem des Romans ist. Die Beschreibungen von Delirium und vor allem Heaven’s Gate sind so plastisch, dass man Salz auf den Lippen zu haben glaubt – inklusive der Ehrfurcht vor einer Welle, die heute „doppelt kopfhoch“ anrollt. Besonders gut funktioniert dabei der Ton: rau, knapp, mit einer latenten Müdigkeit im Hintergrund (Kater, Kriegstraum), die dem Adrenalin etwas Dunkleres beimischt. Und genau daraus entsteht Spannung: Es bleibt nicht bei der „perfekten Welle“, sondern kippt schnell in Konflikt, als eine Gruppe Russen am Spot auftaucht und der Erzähler sich – eher widerwillig – einmischt.
Richtig neugierig gemacht hat mich dann der Wechsel an Land: das Mama’s Adobo als Gegenwelt zu den Resorts, die Vermieterin Carmelita mit trockenem Humor und klarer Kante, dazu dieses Gefühl von Hitze, Staub, Alltag, Schulden und kleinen Überlebensregeln. Der Krimi-Teil schiebt sich dann organisch rein, als eine Frau (Ángel) mit einem konkreten Anliegen auftaucht: Ihr Sohn ist verschwunden – und plötzlich wird aus Surf-Rausch echte Ermittlungsarbeit. Spannend finde ich, dass der Roman dabei nicht auf „altmodische Detektivtricks“ setzt, sondern sehr gegenwärtig wirkt (Stichwort: Zugriff auf digitale Spuren wie Suchen/Maps/Chats). Insgesamt liest sich das nach einem Mix aus Hardboiled-Insel-Noir, Surfkultur und modernem Vermisstenfall – mit einem Erzähler, der nicht geschniegelt daherkommt, sondern Ecken, Schulden und wahrscheinlich auch ein paar Geister im Gepäck hat.