Oberflächlich statt tiefgründig

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mariehal Avatar

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Das Thema dieses Romans ist ohne Zweifel hochbrisant und könnte kaum aktueller sein: Es geht um gesellschaftliche Spaltung, konservative Rollenbilder und den subtilen Sog extrem rechter Strömungen. Umso enttäuschender ist es, dass die Umsetzung diesem Anspruch nicht gerecht wird. Statt eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Gefahren solcher Weltbilder zu bieten, bleibt die Geschichte leider auf einer sehr oberflächlichen Ebene.

Besonders Janas Wandlung hat mich dabei irritiert. Nach einem einzigen Kapitel im Lesekreis wirft sie scheinbar ohne große innere Auseinandersetzung ihr gesamtes bisheriges Lebens- und Betreuungskonzept über den Haufen. Eine so abrupte Entwicklung wirkt konstruiert und wenig glaubwürdig. Ich hätte mir gewünscht, dass ihre Zweifel, ihre inneren Konflikte und die Dynamik der Beeinflussung ausführlicher dargestellt werden. So jedoch bleibt der Prozess zu sprunghaft und für mich nicht nachvollziehbar.

Hinzu kommt, dass die Nebenfiguren kaum eigene Konturen erhalten. Weder Janas Familie noch die Nachbarn, außer Karolin, entwickeln wirklich eine erkennbare Stimme. Alle anderen Figuren wirken wie Statisten, die lediglich dazu dienen, Janas Begegnungen mit Karolin zu rahmen. Gerade bei einem Stoff, der so sehr von unterschiedlichen Perspektiven und Reibungen leben könnte, ist das eine verschenkte Chance.

Zwar greift der Roman ein wichtiges und dringendes Thema auf, aber durch die fehlende Tiefe, die überhastete Charakterentwicklung und die blassen Nebenfiguren konnte er mich nicht überzeugen. Am Ende blieb das Gefühl, dass hier viel mehr möglich gewesen wäre.