Sehr atmosphärisch

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moongirl Avatar

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Bewrtung: 3,5 von 5 Sternen

„Aus Wolken gesponnen. Gefärbt mit Sonnenlicht, mit Wind gewebt. Der Stoff, der all dies in sich trug, wärmte die Herzen der Menschen und begleitete sie sicher in die Zukunft."

Solche Bilder tauchen in Heimkehr nach Morioka von Yuki Ibuki immer wieder auf und geben einen guten Eindruck davon, in welche Richtung der Roman geht, ruhig, atmosphärisch und stark vom traditionellen Handwerk geprägt.
Im Mittelpunkt steht Mio, die nach belastenden Erfahrungen in der Schule, mit 17 Jahren entscheidet, die Schule abzubrechen und zu ihrem Großvater nach Morioka zu ziehen. Dieser Schritt markiert einen klaren Bruch mit ihrem bisherigen Leben und bildet den Ausgangspunkt für ihre weitere Entwicklung. Der Roman ist insgesamt sehr zurückhaltend erzählt. Die Handlung entwickelt sich langsam und ohne große dramatische Ereignisse. Statt Spannung oder schnellen Wendungen stehen eher Alltagsmomente, Atmosphäre und innere Entwicklungen im Vordergrund. Das macht das Buch gut lesbar, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass es insgesamt eher leise bleibt.
Eine besondere Rolle spielt das Setting rund um eine Wollmanufaktur. Das traditionelle Handwerk des Spinnens, Färbens und Webens wird ausführlich beschrieben und nimmt viel Raum ein. Diese Passagen sind interessant, weil sie Einblicke in eine Lebens- und Arbeitswelt geben, die im heutigen Alltag kaum noch präsent ist. Gleichzeitig tragen sie dazu bei, dass sich die Handlung sehr gemächlich entfaltet. Im Zentrum steht Mio selbst, deren Geschichte stark von diesem Neuanfang geprägt ist. Über das Leben beim Großvater und die Beschäftigung mit dem Handwerk beginnt sie, sich langsam mit ihrer eigenen Herkunft auseinanderzusetzen. Diese Entwicklung verläuft eher still und ohne klare Wendepunkte oder große Konflikte. Ergänzt wird diese Perspektive durch Einblicke in die Familiengeschichte, unter anderem durch die Figur ihres Vaters Hiroshi. Die Beziehungen innerhalb der Familie werden dabei jedoch ebenfalls eher zurückhaltend dargestellt.

Insgesamt ist mein Eindruck des Romans eher neutral. Die Geschichte ist sprachlich angenehm zu lesen und atmosphärisch stimmig, konnte mich jedoch nicht besonders stark emotional mitnehmen. Es handelt sich um einen ruhigen Roman, der vor allem von seiner Stimmung und den detaillierten Beschreibungen des Handwerks lebt.
Trotzdem finde ich insbesondere die Verbindung von persönlicher Herkunft, familiären Beziehungen und traditionellem Handwerk interessant. Vor allem Mios Entwicklung und ihr neuer Lebensabschnitt in Morioka bilden einen soliden Ausgangspunkt für die weitere Handlung.