Eine Welt voll Götter

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milena_lre Avatar

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Schon nach den ersten Kapiteln von Hair of Illusion war mir klar, dass diese Geschichte nicht einfach nur von Magie und Macht handelt, sondern vor allem von Kontrolle, Abhängigkeit und der Frage, wie viel eigener Wille einem Menschen überhaupt bleibt. Was mich besonders gepackt hat, ist die leise, unterschwellige Spannung, die fast ständig präsent ist. Selbst in ruhigen Momenten hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, dass etwas beobachtet oder zurückgehalten wird.

Ivy als Hauptfigur trägt das Buch auf eine sehr unaufdringliche Art. Sie ist keine klassische starke Heldin, sondern jemand, der viel ertragen musste und trotzdem nicht aufgehört hat zu fühlen. Sie empfindet Schuld, Mitgefühl und Zweifel, selbst in Situationen, in denen andere längst abgestumpft wären. Genau das macht sie so glaubwürdig. Besonders berührend fand ich, wie sehr sie versucht, anderen Menschen wenigstens kleine Gesten der Gnade zukommen zu lassen, auch wenn sie selbst kaum Freiheit besitzt. Ihre innere Zerrissenheit zwischen Pflicht, Überleben und Moral zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte.

Ein großer Teil der Faszination entsteht durch die Beziehungen zwischen den Figuren. Thorne ist dabei eine der undurchschaubarsten Gestalten. Er wirkt distanziert, teilweise hart, zeigt aber immer wieder Momente von Fürsorge, die im starken Kontrast zu seiner sonstigen Haltung stehen. Seine Interaktionen mit Ivy sind voller unausgesprochener Spannungen, Missverständnisse und Zurückhaltung. Gerade dieses ständige Nähe und Distanz Spiel verleiht ihrer Dynamik Tiefe. Dem gegenüber steht der König, dessen Präsenz durchgehend unangenehm ist. Seine Art, Macht auszuüben, ist subtil, manipulativ und emotional beklemmend. Rückblickend wird immer deutlicher, wie perfide diese Beziehung wirklich ist, was das Gefühl von Unbehagen nur verstärkt.

Auch die Nebenfiguren fügen sich organisch in die Geschichte ein. Della und Leona stehen stellvertretend für politische und familiäre Verstrickungen, die nicht sofort vollständig greifbar sind, aber das Weltgefüge glaubwürdig erweitern. Remy bringt eine gewisse Ruhe und Verlässlichkeit in die Handlung, während Calum mit seiner Geschichte eine überraschend warme und fast zärtliche Seite von Ivy zum Vorschein bringt. Figuren wie Lynal oder Darrow erfüllen ganz unterschiedliche Rollen, von moralisch fragwürdig bis wissensvermittelnd, ohne dabei eindimensional zu wirken. Griffin wiederum weckt Neugier und deutet an, dass es noch viele unerzählte Verbindungen gibt.

Das Worldbuilding entfaltet sich eher schleichend als erklärend. Die Welt fühlt sich alt, düster und von Geschichte durchzogen an. Besonders die Beschreibungen unterirdischer Orte, vergessener Tunnel und verborgener Räume haben eine starke Atmosphäre erzeugt. Magie wirkt hier nicht wie etwas Selbstverständliches, sondern wie eine Kraft, die flüstert, lockt und ihren Preis fordert. Mythen, Götter und Artefakte sind fest in die Handlung verwoben und wirken bedeutungsvoll, auch wenn sich ihre volle Tragweite erst nach und nach erschließt. Das kann stellenweise verwirrend sein, hat für mich aber eher Neugier als Frustration ausgelöst.

Der Schreibstil ist sehr bildhaft und emotional, ohne sich in überladenen Beschreibungen zu verlieren. Besonders innere Monologe und leise Beobachtungen tragen viel zur Atmosphäre bei. Dialoge sind oft knapp gehalten, sagen aber zwischen den Zeilen deutlich mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Der Spannungsaufbau funktioniert vor allem durch dieses konstante Gefühl von Bedrohung und Erwartung. Selbst wenn nicht viel passiert, bleibt die Geschichte in Bewegung.

Optisch passt das Cover hervorragend zur Stimmung des Buches. Es transportiert genau diese Mischung aus Mystik, Dunkelheit und Bedeutung, die auch den Inhalt prägt.

Am Ende bleibt der Eindruck eines Buches, das mit Erwartungen spielt. Es wirkt zunächst vertraut, beinahe vorhersehbar, nur um später zu zeigen, dass diese Sicherheit trügerisch war. Hair of Illusion ist keine Geschichte, die nur unterhalten will, sondern eine, die emotional fordert und lange nachhallt. Ich bin mit vielen Fragen zurückgeblieben und genau das ist für mich das größte Kompliment, das man einem Fantasyroman machen kann.