Schonungslose Provinzhölle und das bittere Erwachen zweier Ausreißerinnen

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Der Einstieg packt einen mit einer beklemmenden Wucht, weil er die glänzende Fassade einer scheinbar perfekten Kleinstadt-Familie Schicht für Schicht und völlig unbarmherzig abkratzt. Winonas Vater Stormy Olsen wird vordergründig als charismatischer Saubermann, beliebter TV-Meteorologe und gefeierter Wohltäter inszeniert, doch hinter verschlossenen Türen entpuppt er sich als eiskalter, perfider Kontrollfreak. Wie Winona am Anfang im Saal sitzt, das Cartier-Armband in die zarte, verbrannte Haut presst, um die Narben der ausgedrückten Zigarette zu verdecken, und sich in einer grausamen Tagträumerei vorstellt, wie ihr Vater die Treppe hinab in den Tod stürzt – das schneidet tief ein und macht das ganze Ausmaß des psychischen und physischen Terrors greifbar.

Den Gegenpol bildet Lucille, deren Alltag in der provinziellen Unterschicht genauso ausweglos und dreckig gezeichnet ist. Während Winona im goldenen Käfig mit verschlossener Speisekammer erstickt, schlägt sich Lucille mit klebrigem Linoleum, abgedrehtem Strom, Doppelschichten im Diner und einem kriminellen, schmarotzenden Bruder herum. Diese Freundschaft der beiden ungleichen Mädchen, verbunden durch die pure Notwendigkeit zu überleben und den gemeinsamen Traum von einer Flucht nach Chicago, bildet das emotionale Rückgrat.

Als Winona im doppelten Boden des Schreibtischs entdeckt, dass ihre totgeglaubte Mutter in Wahrheit lebt, von einem Detektiv beschattet wird und ihr Vater den Brief an die Tochter unterschlagen hat, bekommt die Geschichte einen enormen dramatischen Schub. Das liest sich rasant, psychologisch messerscharf und ohne die typischen, weichgespülten Teenie-Klischees.

Die Wut und der Drang nach Befreiung sind in jeder Zeile zu spüren.