Das Festhalten von Traditionen

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Nachdem ich vor einigen Monaten Trude Teiges ersten, in Norwegen bereits 2002 erschienenen Roman „Der Gesang der See“ gelesen habe, wollte ich die Fortsetzung um die Schifferin Kristiane nicht verpassen. „Hinaus in den Wind“ knüpft an das erste Buch an, kann aber schon auch - ohne den „…Gesang der See“ zu kennen - gelesen werden. Empfehlen würde ich aber dennoch, beide Bücher zu lesen. Band eins erzählt von der Schifferstocher Kristiane und ihrem Kampf um den Erhalt des familieneigenen Lotsenpatents, das nur an die männliche Nachkommenschaft vererbt werden kann.

Kristiane ist eine starke Frau, die gerne gegen den Strom schwimmt. Ihr Vater hat sie einst gelehrt, wie man anhand der Landmarken navigiert, sie hat ihn bei den Lotsenfahrten begleitet, ihre tiefe Verbundenheit zur Schifffahrt hat sie schon in ganz jungen Jahren gespürt. Von ihrem Sohn Anders erwartet sie nicht mehr, als dass auch er seine Pflicht als Lotse erfüllt. Er aber hat sich der Musik verschrieben, als Schiffslotse wäre er kreuzunglücklich, was seine Mutter allerdings nicht verstehen kann. Anders jüngere Schwester Konstanze dagegen hegt durchaus Ambitionen für das Fischen und die Seefahrt. Aber – sie darf als Frau nicht als Lotse arbeiten.

Trude Teiges Bücher kenne und schätze ich sehr, auch dieses nun in deutscher Sprache erschienene, wieder von Günther Frauenlob aus dem Norwegischen übersetzte Buch, das tief in die Familientradition im 19. Jahrhundert eintaucht, möchte ich nicht missen. Es ist die Zeit der traditionellen Geschlechterrollen und obwohl Kristiane schon immer dagegen aufbegehrt und sich in der männerdominierenden Gesellschaft behaupten konnte, so waren auch ihr Grenzen aufgezeigt.

Als Kristiane eines Tages in der Bucht der Mulevika eine für ihre Familie tragische Entdeckung macht, ist nichts mehr wie zuvor. Zudem versucht sie, Anders in diese für ihn ungeliebte Rolle des Lotsen zu zwingen. Um diese beiden Handlungsstränge entspinnt die Autorin ihre Geschichte um das Festhalten von Traditionen, die von Generation zu Generation vererbt wurden, der tiefe Einblick dann in Familienstrukturen mitsamt dem vorherrschenden Patriarchat macht betroffen. Die einen fügen sich in ihr Schicksal, andere weisen jegliche Schuld von sich, eigene Wünsche werden ganz und gar hintangestellt oder einfach weggewischt. Schuld und Schuldgefühle, Pflicht und die Erfüllung dessen sind es, die viel Leid hervorrufen.

Trude Teige zeichnet mit Kristiane eine starke Frauenfigur, die – trotzdem sie als Frau nicht viel gilt – sich nicht unterkriegen lässt und zuweilen hartnäckig ihre Ziele verfolgt. Ihren ersten Ehemann Anders, den Vater ihrer Kinder, hat sie an die See verloren, mit Lars ist sie in zweiter Ehe verheiratet und dank ihm bleibt das Lotsenpatent in der Familie. Alle Charaktere, auch die Familie ihrer Schwester, die hier eine tragende, eine tragische Rolle spielt, sind in ihrer Handlungsweise glaubwürdig, ihre Heimatverbundenheit an Norwegens Küste deutlich spürbar. Teiges Schreibstil ist wie ein Hineintauchen in längst vergangene Welten, die man trotz aller Tragik der Geschichten, die sie hier erzählt, nicht gerne verlassen will.