Das Meer, die Tradition und die Grenzen der Freiheit

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Wieder führt Trude Teige an die norwegische Westküste, in eine Welt aus Meer, Fischerei, Lotsenhäusern und einer Landschaft, die ebenso karg wie überwältigend ist. Der Wind, die Felsen, die Wellen und das wechselhafte Licht sind hier nicht bloße Staffage. Sie bestimmen den Rhythmus des Lebens und werden beinahe zu einer zweiten Erzählinstanz. Trude Teige versteht es bemerkenswert gut, diese Landschaft sprachlich erfahrbar zu machen. Ihre Beschreibungen sind nicht ornamental. Sie sind von einer gewissen Nüchternheit, die gerade deshalb Wirkung entfaltet. Das Meer ist schön, aber nicht freundlich. Die Landschaft ist eindrucksvoll, aber nicht behaglich. Und auch die Menschen scheinen etwas von dieser widerspenstigen Küste in sich zu tragen.
Im Zentrum steht erneut Kristiane, eine Frau, die sich ihre Selbstständigkeit in einer Welt erkämpft hat, in der Frauen nur einen eng abgesteckten Handlungsspielraum besitzen. Sie ist selbstbewusst, unbeugsam und bereit, gesellschaftliche Erwartungen zu ignorieren, wenn diese ihren Vorstellungen vom Leben entgegenstehen. Gerade deshalb ist es bemerkenswert, wie kompromisslos sie an anderer Stelle selbst zur Hüterin eben jener Traditionen wird, gegen die sie sich als junge Frau behaupten musste.
Ihr Sohn Anders soll die Familientradition fortführen und Lotse werden. Doch sein Lebensentwurf liegt abseits dieser vorgezeichneten Bahn. Seine Leidenschaft gehört der Musik. Kristiane erkennt sein Talent durchaus, kann aber nicht akzeptieren, dass er daraus eine Zukunft für sich machen möchte. In dieser Konstellation steckt die vielleicht interessanteste Spannung des Romans, eine Spannung, die ganz ohne dramatische Zuspitzung auskommt. Denn Kristiane will Freiheit, solange es ihre eigene ist.
Was bei ihr als Selbstbestimmung erscheint, wird bei Anders zur vermeintlichen Pflichtverletzung. Sie verlangt von ihrem Sohn jene Opferbereitschaft, die sie selbst einst aufbringen musste, um den Familienbesitz und die Lotsentradition zu bewahren. Das ist widersprüchlich, bisweilen ungerecht und gerade deshalb literarisch ergiebig. Kristiane ist keine Figur, die sich bequem in die Kategorien „starke Frau“ oder „liebevolle Mutter“ einordnen lässt. Ihre Stärke hat etwas Härteres angenommen. Sie schützt, indem sie bestimmt. Sie liebt, indem sie Erwartungen formuliert. Und dabei übersieht sie, dass auch ein Kind das Recht auf einen eigenen Lebensentwurf besitzt.
Noch deutlicher wird dieser Widerspruch im Verhältnis zu ihrer Tochter Konstanze. Auch sie besitzt jene Widerständigkeit, die Kristiane auszeichnet. Doch die gesellschaftlichen Grenzen ihrer Zeit sind für sie ungleich enger. Während Anders seine Zukunft zumindest theoretisch selbst bestimmen kann, ist Konstanze als Mädchen von vornherein auf bestimmte Rollen festgelegt. Teige macht damit sichtbar, wie tief gesellschaftliche Ordnung in die intimsten Bereiche des Lebens hineinreicht.
Überhaupt interessiert sich die Autorin für die Mechanismen einer Gemeinschaft, in der Tradition nicht hinterfragt, sondern vererbt wird. Gleichzeitig sind es eben diese Traditionen, die den Menschen Halt geben und ihre Identität bestimmen. Teige zeichnet damit keine Gesellschaft, die ausschließlich rückständig wäre. Sie zeigt vielmehr, wie schwer es ist, sich aus einem System zu lösen, das einem zugleich Sicherheit und Begrenzung bietet.
Umso bedauerlicher empfinde ich den zweiten großen Handlungsstrang des Romans. Der Fund eines toten Säuglings bringt Unruhe in die kleine Gemeinschaft und eröffnet einen deutlich dramatischer angelegten Spannungsbogen. Natürlich besitzt dieses Ereignis erzählerisches Potenzial. Es gibt ein Geheimnis, eine unbekannte Mutter, Verdächtigungen und die Frage nach den Umständen des Todes. Doch gerade hier hatte ich den Eindruck, dass Teige ihrer eigenen Geschichte misstraut. Als müsste die atmosphärische und gesellschaftliche Erzählung durch ein möglichst eindringliches Ereignis zusätzlich legitimiert werden. Für mich wäre das nicht nötig gewesen.
Im Gegenteil. Der Roman ist immer dann am stärksten, wenn er nichts beweisen muss. Wenn Kristiane am Meer steht. Wenn über den Hof gesprochen wird. Wenn die Figuren an ihren Vorstellungen festhalten, obwohl diese sie unglücklich machen. Wenn Tradition und persönliche Freiheit aufeinanderprallen, ohne dass daraus zwangsläufig ein spektakuläres Ereignis entstehen muss. In diesen stilleren Passagen besitzt „Hinaus in den Wind“ eine Sogwirkung, die der konstruiertere Spannungsplot nicht erreicht. Der Handlungsstrang um das tote Kind wirkt auf mich deshalb beinahe wie eine erzählerische Überversicherung. Er soll Spannung erzeugen, wo die Geschichte bereits genügend Konfliktstoff besitzt. Und er lenkt den Blick zeitweise weg von dem, was Trude Teige meines Erachtens wesentlich besser beherrscht: die Atmosphäre und die psychologischen Spannungen innerhalb einer kleinen, abgeschlossenen Gemeinschaft.
Das ist umso bedauerlicher, weil die Autorin mit ihrer Landschaftsschilderung eine ganz eigene Qualität besitzt. Beim Lesen entsteht nicht einfach das Bild einer norwegischen Küste. Man bekommt beinahe das Gefühl, ihren Wind und ihre Kälte körperlich wahrzunehmen. Trude Teige schreibt mit einer Klarheit, die gelegentlich an die Landschaft selbst erinnert. Schnörkellos, kühl, konzentriert.
Auch die zeitliche Distanz trägt dazu bei. Es ist eine Welt, in der die Möglichkeiten des Einzelnen wesentlich stärker von Herkunft, Geschlecht und familiärer Stellung bestimmt werden als heute. Wer welchen Beruf ergreift, wen er heiratet, welche Verantwortung er übernimmt, all das ist weniger individuelle Entscheidung als soziale Erwartung. Besonders interessant ist, dass Trude Teige diese gesellschaftlichen Strukturen nicht ausschließlich von außen betrachtet. Kristiane ist selbst Teil dieses Systems und trägt es in gewisser Weise weiter. Sie rebelliert gegen die Regeln, deren Vorteile sie für ihre Familie erhalten möchte. Darin liegt eine der schönsten Ambivalenzen des Romans. Die Frau, die gegen Konventionen kämpft, wird selbst zur Bewahrerin von Konventionen.
Nicht immer gelingt es Trude Teige, diese Widersprüche vollständig auszuloten. Kristianes innere Reflexionen geben zwar Einblick in ihre Beweggründe, erklären manches aber vielleicht etwas zu deutlich. Manchmal hätte ich mir mehr Vertrauen in die Figur und weniger Erklärung ihrer inneren Bewegungen gewünscht. Gerade eine widersprüchliche Figur darf schließlich auch widersprüchlich bleiben.
Im Vergleich zu „Der Gesang der See“ bleibt „Hinaus in den Wind“ für mich deshalb zurück. Nicht, weil die Fortsetzung grundsätzlich schlechter erzählt wäre. Und auch nicht, weil ihre Figuren weniger interessant wären. Vielmehr scheint der zweite Band gelegentlich den Glauben daran zu verlieren, dass seine eigentliche Qualität bereits vorhanden ist. Die norwegische Küste hätte gereicht. Kristiane hätte gereicht. Der Konflikt zwischen Mutter und Sohn, zwischen persönlichem Glück und familiärer Pflicht, zwischen weiblicher Emanzipation und überlieferten Rollenbildern hätte gereicht. Das tote Kind hätte ich dafür nicht gebraucht.
Gerade weil Trude Teige so eindrucksvoll eine Welt erschafft, die zwischen Schönheit und Härte, Freiheit und Verpflichtung, Nähe und Einsamkeit oszilliert, hätte ich mir gewünscht, dass sie dieser Welt noch stärker vertraut. Denn ihre größte erzählerische Kraft liegt nicht im spektakulären Geheimnis, sondern in den stillen Verschiebungen zwischen den Menschen.
„Hinaus in den Wind“ ist damit für mich ein atmosphärisch bemerkenswerter, inhaltlich durchaus vielschichtiger Roman, der seine eigene Stärke nicht immer konsequent nutzt. Er erzählt von einer Generation, die ihre Kinder vor den Härten des Lebens bewahren möchte und dabei Gefahr läuft, ihnen genau jene Freiheit zu nehmen, die sie selbst einst erkämpft hat.