Fragwürdige Konventionen

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
bookworld91 Avatar

Von

Ein Haus an der norwegischen Westküste. Eine traditionsreiche Lotsenfamilie. Und die Liebe für Musik. In Trude Teiges neuesten Roman geht es um den Konflikt Tradition und Verwirklichung.

Kristiane hat sich ein Leben in der Welt der Schiffe aufgebaut. Gern möchte sie, das Sohn Anders, gemäß der Tradition, Lotse wird. Doch der Nachwuchs hat eigene Pläne. Und dann ist da das Kind am Hafen- was ist seine Geschichte?

Ich habe mich direkt nach Westnorwegen versetzt gefühlt. Die präzise Beschreibung der rauen Landschaft, die Verbindung der Norweger zur Natur, die Distanz zwischen den einzelnen Anwohnern- alles war von Beginn an gegeben. Mit geschickt gewählten Vergleichen und Beschreibungen schafft Teige es, mir im fernen Deutschland (auch wenn ich Westnorwegen gut kenne) die Szenerie und Charaktere vor Augen zu führen. Das gilt vor allem für Protagonistin Kristiane.

Kristiane wird als Frau dargestellt, die zwischen Tradition und Moderne steht. Sie selbst hat sich entgegen der Konventionen einen Posten als Kapitänin erarbeitet. Nun erwartet sie allerdings- strikt nach Tradition- das Sohn Anders den selben Weg einschlagen wird. Diese Zerrissenheit macht sie aus und wird auch deutlich, als sie ein totes Kind am Strand findet. Sie will sich kümmern, und dennoch die Konventionen wahren. Um diesen Konflikt zu verdeutlichen, lässt die Autorin viele reflektierte Monologe der Protagonistin zu, die helfen sollen, zu verstehen. Dies ist leider nicht immer möglich.

Auch die Gesellschaft wird teils sehr konventionell fragwürdig dargestellt. Niemand fühlt sich für das gefundene Kind verantwortlich und alle verurteilen die (unbekannte) Mutter, ohne die Situation zu kennen. Das kann ich persönlich nicht nachvollziehen. Immerhin kann nur die Mutter die Situation beurteilen und diese kann sich nicht äußern. Das finde ich sehr schade, auch wenn es Teige mit gekonnt eingesetzten Stereotypen gelungen ist, das frühere, konventionelle Gesellschaftsbild überspitzt darzustellen, ohne jemanden direkt anzugreifen. Chapeau dafür.

Am herausragendsten ist für mich allerdings Sprecherin Yara Blümel. Sie betont Worte geschickt, baut Pausen entsprechend ein und verdeutlicht so das für und wider in Kristianes Gedanken. Ein großes Lob an die Sprecherin und vier Sterne für den Roman. Die starren Konventionen dagegen sind teils zu überspitzt und ein Hinweis darauf, dass es ein extremes Beispiel ist, wäre hilfreich.