Hinaus in den Wind – eine starke Frau zwischen Freiheit und Tradition

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sonja26 Avatar

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Mit „Hinaus in den Wind“ kehrt Trude Teige an die norwegische Küste und zu Lotsenfrau Kristiane und ihrer Familie zurück. Der Roman ist die Fortsetzung von „Der Gesang der See“ und auch wenn die Geschichte grundsätzlich für sich gelesen werden kann, würde ich ganz klar empfehlen, zunächst zum ersten Band zu greifen. Viele Beziehungen, Hintergründe und vor allem die emotionalen Entwicklungen der Figuren werden schlichtweg besser verstanden.

Auch dieses Mal schafft Trude Teige es bereits auf den ersten Seiten, mich vollkommen in ihre Geschichte hineinzuziehen. Ihre bildhafte Sprache lässt die Insel, das Meer und ihre Bewohner unmittelbar vor dem inneren Auge entstehen. Allerdings liegt über diesem zweiten Band eine deutlich düsterere und melancholischere Stimmung als über seinem Vorgänger.

Im Mittelpunkt steht erneut Kristiane, Tochter eines Lotsen und selbst eine ungewöhnlich starke und unabhängige Frau. Nicht umsonst wird sie auch die „Herrin von Kvaslvika“ genannt. Sie lebt ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen, lässt sich wenig gefallen und kümmert sich nicht sonderlich darum, was andere über sie denken.
Die Familie ist seit Generationen eng mit der Seefahrt verbunden und auch Kristianes Sohn Anders soll diese Tradition fortführen und Lotse werden. Doch Anders hat ganz andere Vorstellungen von seiner Zukunft: Seine Leidenschaft gehört der Musik. Ausgerechnet Kristiane, die selbst so sehr für ihre eigene Freiheit kämpft und sich sogar neu verheiratete um die Lotsennummer in der Familie zu halten, kann nur schwer akzeptieren, dass ihr Sohn ebenfalls seinen eigenen Weg gehen möchte.

Gleichzeitig sorgt ein schrecklicher Fund für Unruhe: Ein totes Baby wird entdeckt und Kristiane fühlt sich zunehmend dafür verantwortlich, herauszufinden, was geschehen ist. Während sie versucht, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen, werden auch die Konflikte innerhalb der kleinen Gemeinschaft auf der Insel immer deutlicher.

Trude Teige besitzt für mich ein besonderes Talent dafür, ihre Leser tief in ihre Geschichten hineinzuziehen. Ich lese nicht nur über diese Insel – ich habe das Gefühl, dort zu sein. Ganz besonders deutlich wird das immer dann, wenn sie über das Meer schreibt. Man spürt ihre Verbundenheit damit in beinahe jeder Beschreibung und meint beim Lesen tatsächlich, selbst den „Gesang der See“ hören zu können.

Sehr gelungen fand ich auch die Konflikte innerhalb der Dorfgemeinschaft. Tradition trifft auf vorsichtige Modernisierung, neue Schiffe auf alte Überzeugungen, Religion auf Aberglauben und über allem schwebt immer wieder dieses berühmte „Das haben wir doch immer schon so gemacht“. Dadurch entsteht ein glaubwürdiges Bild einer Gemeinschaft, die sich verändern muss, obwohl längst nicht jeder dazu bereit ist.

Mit Kristiane selbst hatte ich dieses Mal allerdings so meine Schwierigkeiten. Sie ist zweifellos eine beeindruckende Frau und ihrer Zeit in vielem weit voraus. Sie ist selbstbewusst, unabhängig und lässt sich nicht vorschreiben, wie sie zu leben hat. Gleichzeitig ist sie aber auch unglaublich eigensinnig und teilweise sehr ichbezogen.

Gerade ihr Umgang mit Anders hat mich deshalb immer wieder geärgert. Kristiane nimmt für sich selbst in Anspruch, ihr Leben genau so zu gestalten, wie sie es möchte – erwartet von ihrem Sohn aber gleichzeitig, dass er die Familientradition fortsetzt und ihren Vorstellungen folgt. Diese Widersprüchlichkeit macht sie natürlich zu einer interessanten und glaubwürdigen Figur, aber eben nicht immer zu einer sympathischen.

Emotional ist „Hinaus in den Wind“ ein schwereres Buch als sein Vorgänger. Über der Insel und ihren Bewohnern liegt für mich fast durchgehend eine gewisse Traurigkeit. Kaum jemand scheint wirklich glücklich zu sein, viele Figuren tragen Sorgen, Verluste oder unerfüllte Wünsche mit sich herum. Einige Szenen haben mich sehr berührt – und gerade hier zahlt es sich aus, „Der Gesang der See“ zu kennen. Zwar liefert die Autorin die notwendigen Erklärungen, ohne die Vorgeschichte fehlt manchen Momenten meiner Meinung nach aber ein Teil ihrer emotionalen Wirkung.

Nicht jede Szene und nicht jede Frage wird abschließend aufgelöst. Das lässt einerseits viel Raum für eigene Gedanken und Spekulationen, andererseits blieb bei mir gelegentlich das Gefühl zurück, dass mir noch ein Stück der Geschichte fehlt. Vielleicht ist das ein Hinweis darauf, dass wir Kristiane und ihre Familie noch einmal wiedersehen werden.

Insgesamt hat mich „Hinaus in den Wind“ wieder sehr eindrucksvoll in seine Welt hineingezogen, für mich erreicht der Roman jedoch nicht ganz die Stärke seines Vorgängers. Das mag auch daran liegen, dass „Der Gesang der See“ trotz aller schwierigen Themen für mich eine positivere Grundstimmung hatte. Dieser zweite Band ist dunkler, trauriger und emotional schwerer.
Dennoch ist es wieder ein Roman, bei dem man das Salz in der Luft beinahe schmecken, das Meer rauschen hören und sich die Menschen auf der Insel sehr genau vorstellen kann. Trude Teige erzählt von starken Frauen, familiären Erwartungen, alten Traditionen und dem schwierigen Versuch, seinen eigenen Weg zu finden.