Verlust, Geheimnisse und Schuld

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noiram Avatar

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Die Leseprobe zu „Home before dark“ besticht durch ihre düstere, nordische Atmosphäre und eine sehr präsente, von Selbstvorwürfen geplagte Erzählstimme. Im Zentrum steht Marsí, die auch Jahre nach dem Verschwinden ihrer Schwester Stína von den Ereignissen jener Nacht verfolgt wird. Eva Björg Ægisdóttir gelingt es hervorragend, das Trauma einer Familie einzufangen, in der die Zeit seit dem Unglück förmlich stillzustehen scheint.
​Besonders eindringlich ist die Schilderung von Marsís innerer Zerrissenheit. Die „fiese Stimme“ in ihrem Kopf, die ihr die Schuld am Verlust der Schwester gibt, macht ihre psychische Belastung fast körperlich spürbar. Auch die Beschreibung des Vaters mit seinen „mechanischen“ Trostversuchen verdeutlicht, wie sehr das ungeklärte Schicksal der Tochter die emotionalen Bindungen innerhalb der Familie zersetzt hat. Die Rückblenden in die Kindheit und die Rekonstruktion des Heimwegs von Stína erzeugen sofort eine unterschwellige Spannung.
​Der Schreibstil ist klar, aber voller Empathie für die gebrochenen Charaktere. Das Setting in Island trägt mit seiner Abgeschiedenheit zur beklemmenden Grundstimmung bei. Man fragt sich als Leser unwillkürlich, was in jener Nacht wirklich geschah und ob Marsís Schuldgefühle begründet sind oder nur das Resultat eines unbewältigten Traumas.
​Für Fans von psychologisch tiefgründigen Island-Krimis bietet diese Leseprobe einen sehr starken Einstieg. Es ist weniger ein actionreicher Thriller als vielmehr eine feine Studie über Verlust, Geheimnisse und die langen Schatten der Vergangenheit.