Was geschah wirklich mit Stína?

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hexenbücherei Avatar

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Der Einstieg in diese Geschichte hat mich direkt mit einer sehr verstörenden Bildgewalt erwischt, besonders dieser immer wiederkehrende Traum von der Badewanne im verschneiten Garten, in der die Mutter die Haut des Kindes rot schrubbt, hat bei mir sofort ein unbehagliches Gefühl hinterlassen.
Das Cover mit diesem stechenden Auge, das durch die blauen Holzplanken blickt, verstärkt diese bedrohliche Stimmung noch zusätzlich, weil man sich sofort fragt, wer hier eigentlich wen belauert.
Eva Björg Ægisdóttir schreibt unglaublich atmosphärisch und ruhig, was perfekt zu der isländischen Kulisse und der dumpfen Schwere passt, die Marsibil umgibt.
Besonders interessant finde ich die Gegenüberstellung der Schwestern in den Rückblenden, Stína, die wie die Lämmer im Frühling geboren wurde und mit ihren hellblauen Augen fast wie der pure Sonnenschein wirkt, während Marsibil sich selbst daneben als mürrisch und unbedeutend wahrnimmt.
Dass Stína so spurlos verschwunden ist, hinterlässt eine Lücke, die man in jedem Satz der Leseprobe spüren kann, vor allem in der Art, wie die Mutter immer noch von ihr spricht.
Marsibil als Charakter ist für mich bisher eher schwer greifbar, fast schon apathisch durch ihren Schlafmangel, aber genau das macht sie spannend, weil man merkt, wie sehr die Identität ihrer Schwester immer noch über ihrem eigenen Leben schwebt.
Der Spannungsaufbau ist eher subtil und kriechend, man spürt diese unterschwellige Angst, die durch den Brief mit dem geschlungenen G wieder befeuert wird.
Ich erwarte von der restlichen Geschichte einen tiefen, schmerzhaften Blick in die isländische Gesellschaft der 70er Jahre und hoffe, dass das Rätsel um Stínas Verschwinden nicht nur stumpf aufgelöst wird, sondern die komplexen Schuldgefühle innerhalb der Familie weiter im Fokus bleiben.
Ich möchte das Buch unbedingt lesen, weil mich dieser Mix aus nordischer Melancholie und der fast schon geisterhaften Präsenz der verschwundenen Schwester wahnsinnig neugierig macht.