Atmosphärisches Island-Porträt mit Schwächen im Finale

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mellidiezahnfee Avatar

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Eva Björg Ægisdóttir liefert mit „Home Before Dark“ ein Buch ab, das zwar als „atemberaubender Thriller“ beworben wird, diesem Etikett jedoch nur bedingt gerecht wird. Wer einen rasanten Pageturner erwartet, wird enttäuscht; wer jedoch Freude an entschleunigter, psychologischer Spannung und tiefen Einblicken in die isländische Seele hat, findet hier durchaus lesenswerte Aspekte.

Die größte Stärke des Romans liegt unbestreitbar in seinem Setting. Die Autorin fängt das Flair der Jahre 1967 (Stina) und 1977 (Marsi) meisterhaft ein. Das Leben in einem isolierten Dorf, umgeben von wilder Natur und völlig ohne die Ablenkungen moderner Social Media, erzeugt einen ganz eigenen, fast meditativen Lesegenuss. Sprachlich ist das Werk anschaulich und einladend – man taucht regelrecht in diese entschleunigte Welt ab.


Die Geschichte wird fast ausschließlich durch die Perspektiven der Schwestern getragen. Das sorgt für eine intime, aber auch sehr eingeschränkte Sichtweise. Die polizeilichen Ermittlungen finden kaum statt, was dem Buch eher den Charakter eines Familiendramas als den eines Kriminalromans verleiht.

Ein deutlicher Schwachpunkt ist die emotionale Zugänglichkeit: Vor allem die Protagonistin Marsi bleibt seltsam blass und unnahbar. Ohne eine greifbare Identifikationsfigur oder emotionale Tiefe fällt es schwer, wirklich mitzufiebern. Zwar versteht es die Autorin, durch geschickte Wendungen Misstrauen gegenüber jedem Mitglied der involvierten Clique zu säen, doch das emotionale Fundament fehlt.


Besonders enttäuschend gestaltet sich die Auflösung. Nachdem über viele Seiten hinweg komplexe Fäden gesponnen wurden (unter anderem der Strang um den Brieffreund), wirkt das Ende konstruiert und losgelöst vom vorangegangenen Aufbau. Statt eines „Wow-Effekts“ bleibt lediglich ein müdes „Oh, ach so“, da der Showdown kaum Bezug zu den mühsam etablierten Gegebenheiten nimmt.
Fazit

Ein handwerklich solide geschriebener Roman, der eher durch seine nostalgische Island-Atmosphäre und seine Entschleunigung besticht als durch echten Nervenkitzel. Aufgrund der distanzierten Charaktere und einer willkürlich wirkenden Auflösung reicht es trotz des tollen Schreibstils leider nur für das Mittelfeld.

Ideal für Leser, die atmosphärische Familiengeschichten vor isländischer Kulisse lieben, aber kein Muss für Hardcore-Thriller-Fans.