Wenn alle verdächtig sind und die Erzählstimme unzuverlässig wirkt

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Marsibil hatte sich 1967 als ihre ältere Schwester Kristin/Stina ausgegeben, als sie auf die Suchanzeige nach einer Brieffreundin antwortete. Kurz vor dem geplanten Treffen mit ihrem Briefpartner kamen ihr jedoch Zweifel, ob die andere Person mit ihr ein ähnliches Spiel gespielt haben könnte. Am Tag des Dates verschwindet überraschend die reale Stina. 10 Jahre später trifft ein Brief des damaligen Briefpartners ein – und Marsibil nimmt die Suche nach ihrer Schwester neu auf, einen Fall, in dem offenbar nur oberflächlich recherchiert worden war.

Auf zwei Zeitebenen und mit wechselndem Focus auf die Schwestern entsteht das Bild einer Dorfgemeinschaft, in der Erwachsene und Jugendliche sich regelmäßig bis zum Filmriss betrinken, in dem Personen aus einer verantwortlichen Rolle herausfallen – und in der sich Ängste und psychische Ausnahmezustände ankündigen, die in die Hände von Ärzten oder Therapeuten gehört hätten. Verknüpfungen entstehen zur frisch zugezogenen Pfarrerfamilie mit Tochter Málfríður, die ja viel über ihre angebliche Vorgeschichte einfach behaupten könnten, und durch Kunstkurse an einer Volkshochschule, an denen Stina teilnimmt. Der Fund einer weiteren Toten in der Gegenwart und Dokumente aus der Nachkriegszeit sorgen für weitere Verknüpfungen. In Eva Björg Ægisdóttirs Setting sind alle Personen verdächtig, an der Zuverlässigkeit von Icherzählerin Marsibil und weiteren Personen entstehen erhebliche Zweifel.

Fazit
Ein komplexes Setting mit vielen Personen, in dem Erwachsene aus ihrer sorgenden Rolle für Jugendliche heraustreten und „alte Männer“ sehr junge Mädchen mit anzüglichen Bemerkungen pflastern, erzeugt bei mir zwar Gänsehaut. Wenn wie hier „die Dinge eskalieren und alle verdächtig sind“ finde ich das Setting allerdings aus anderen Krimis zu vertraut, um noch von Thrill sprechen zu können.