Feministisch morden?
Im Mittelpunkt von Imani Thompsons Debütroman »Honey« steht Yrsa, eine Schwarze Doktorandin der Soziologie an der Universität Cambridge, die sich mit Afropessimismus und der Befreiung Schwarzer Frauen beschäftigt. Sie ist klug, charismatisch, witzig und wunderschön – zugleich aber zunehmend gelangweilt von ihrem Alltag, ihrer Forschung und den Männern in ihrem Umfeld.
Als ihre Freundin Nina ihr erzählt, dass ein verheirateter Professor sie nicht nur betrogen, sondern auch ihre Forschung gestohlen hat, ist Yrsa wütend. Kurz darauf erlebt sie mit, wie derselbe Mann nach einem Bienenstich einen allergischen Schock erleidet. Obwohl sie ihn retten könnte, greift sie nicht ein. Sein Tod gibt ihr ein Gefühl von Intensität und Kontrolle, das sie lange vermisst hat. Fasziniert von diesem Erlebnis und der damit verbundenen Macht, nimmt sie weitere Männer ins Visier: Sexisten, Rassisten und Incels – Männer, die sich in ihren Augen schuldig gemacht haben und dafür bestraft werden müssen.
Doch Thompson erzählt keine simple Geschichte über Vergeltung an Männern. Yrsa findet zwar feministische Argumente für ihre Taten, ihr eigentlicher Antrieb scheint jedoch viel persönlicher zu sein. Sie rationalisiert ihr Handeln, sucht nach moralischen Rechtfertigungen und verschiebt dabei immer weiter ihre eigenen Grenzen. Gerade diese Widersprüchlichkeit macht sie zu einer faszinierenden Hauptfigur. Yrsas Gedankenwelt, der intellektuelle Unterbau und der schwarze Humor tragen den Roman beinahe vollständig. Die Handlung lebt weniger von großen Wendungen als von ihrer zunehmenden Faszination für Risiko, Macht und Grenzüberschreitungen. So wird ihr Rachefeldzug vor allem zu einer ungewöhnlichen Charakterstudie, die sich einfachen moralischen Antworten verweigert.
Besonders stark ist der Roman für mich in der ersten Hälfte. Thompson schreibt präzise, pointiert und mit einem sehr eigenen Ton (sicher nicht zuletzt aufgrund der fantastischen Übersetzung von Asal Dardan). Gegen Ende verliert »Honey« allerdings etwas von seiner Wirkung und mündet in ein regelrechtes Gewaltstakkato, das vieles bewusst im Unklaren lässt. Angesichts von Thompsons erzählerischer Präzision und der Fülle an sozio-kulturellen Querverweisen hätte ich mir hier einen weniger abrupten und etwas konsequenteren Schluss gewünscht.
Trotzdem bleibt ein sehr positiver Gesamteindruck. »Honey« ist ein klug komponiertes, bissiges Debüt, das Spannung mit gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskursen verbindet und dabei eine moralisch schwer einzuordnende Protagonistin ins Zentrum stellt. Yrsa bleibt im Gedächtnis – gerade weil Thompson sie weder entschuldigt noch eindeutig verurteilt. Leseempfehlung!
Als ihre Freundin Nina ihr erzählt, dass ein verheirateter Professor sie nicht nur betrogen, sondern auch ihre Forschung gestohlen hat, ist Yrsa wütend. Kurz darauf erlebt sie mit, wie derselbe Mann nach einem Bienenstich einen allergischen Schock erleidet. Obwohl sie ihn retten könnte, greift sie nicht ein. Sein Tod gibt ihr ein Gefühl von Intensität und Kontrolle, das sie lange vermisst hat. Fasziniert von diesem Erlebnis und der damit verbundenen Macht, nimmt sie weitere Männer ins Visier: Sexisten, Rassisten und Incels – Männer, die sich in ihren Augen schuldig gemacht haben und dafür bestraft werden müssen.
Doch Thompson erzählt keine simple Geschichte über Vergeltung an Männern. Yrsa findet zwar feministische Argumente für ihre Taten, ihr eigentlicher Antrieb scheint jedoch viel persönlicher zu sein. Sie rationalisiert ihr Handeln, sucht nach moralischen Rechtfertigungen und verschiebt dabei immer weiter ihre eigenen Grenzen. Gerade diese Widersprüchlichkeit macht sie zu einer faszinierenden Hauptfigur. Yrsas Gedankenwelt, der intellektuelle Unterbau und der schwarze Humor tragen den Roman beinahe vollständig. Die Handlung lebt weniger von großen Wendungen als von ihrer zunehmenden Faszination für Risiko, Macht und Grenzüberschreitungen. So wird ihr Rachefeldzug vor allem zu einer ungewöhnlichen Charakterstudie, die sich einfachen moralischen Antworten verweigert.
Besonders stark ist der Roman für mich in der ersten Hälfte. Thompson schreibt präzise, pointiert und mit einem sehr eigenen Ton (sicher nicht zuletzt aufgrund der fantastischen Übersetzung von Asal Dardan). Gegen Ende verliert »Honey« allerdings etwas von seiner Wirkung und mündet in ein regelrechtes Gewaltstakkato, das vieles bewusst im Unklaren lässt. Angesichts von Thompsons erzählerischer Präzision und der Fülle an sozio-kulturellen Querverweisen hätte ich mir hier einen weniger abrupten und etwas konsequenteren Schluss gewünscht.
Trotzdem bleibt ein sehr positiver Gesamteindruck. »Honey« ist ein klug komponiertes, bissiges Debüt, das Spannung mit gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskursen verbindet und dabei eine moralisch schwer einzuordnende Protagonistin ins Zentrum stellt. Yrsa bleibt im Gedächtnis – gerade weil Thompson sie weder entschuldigt noch eindeutig verurteilt. Leseempfehlung!