Honey - Nicht immer leicht verdaulich

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Das Buch begleitet die Doktorandin Yrsa, deren lange aufgetaute Wut über strukturelle Ungerechtigkeiten, Objektifizierung, Rassismus und Mysogenie sie zu immer radikaleren Überlegungen und Handlungen führt.
Da die Geschichte neben Dialogen zu einem großen Teil anhand von Yrsas Gedanken erzählt wird, ist man schonungslos nah an der Protagonistin dran. So lernt man sie schnell und auf unterhaltsame Art in all ihren Facetten kennen, denn die Gedanken werden ungefiltert wiedergegeben: mal vulgär, mal chaotisch, mal ambivalent, mal banal, mal intellektuell, mal sachlich. So, wie Gedanken halt sind.

Bei Yrsas Charakterisierung wird erfrischend mit Rollenklischees gebrochen. Mögliche Erwartungen hinsichtlich einer sympathischen Hauptfigur, die sich vor allem durch sozial erwünschte Eigenschaften auszeichnet, werden nicht erfüllt. Damit ist Yrsa keine bequeme Identifikationsfigur im Sinne von „So sehe ich mich auch gerne“ sondern eher eine sperrige Figur, die dazu einlädt, sich einzugestehen „Ja, so sieht es in mir auch manchmal aus“. Ich habe das begrüßt, kann mir aber vorstellen, dass das einige Leser*innen abschrecken könnte.

Der Hintergrund der inneren Leere, die Yrsa zu quälen scheint und die sie zu füllen sucht, wird im Verlauf der Geschichte durch Informationshäppchen über ihre Biografie enthüllt, ohne jedoch zu einfache Erklärungsansätze zu bieten. Auch erfährt man erst im späteren Verlauf, was es mit dem ungewöhnlichen Buchtitel auf sich hat und weshalb sich Essen, insbesondere süßes Essen, wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht.

Besonders hervorzuheben ist der Umgang mit den eingangs erwähnten gesellschaftlichen Themen. Diese spielen eine wichtige Rolle im Buch und werden auch immer mal wieder vertieft, was an keiner Stelle belehrend wirkt oder den Lesefluss stört. Im Gegenteil, die Erwähnungen laden dazu ein, sich tiefergehend mit den Themen auseinanderzusetzen. Dieses erleichtert die Autorin, indem sie reale Publikationen benennt, die es ermöglichen, sich noch weiter einzulesen.

Der Schreibstil hat mir gefallen, denn es ist der Autorin Imani Thompson perfekt gelungen, Situationen und deren Stimmungen durch Veränderungen des Schreibstils erlebbar zu machen. Zum Beispiel wird der Stil chaotisch, wenn es um unsortierte Aspekte in Yrsas Leben geht und er wird ganz klar und feinsinnig erzählend in den Momenten, in denen Yrsa innere Ruhe findet. Um dann wiederum bei einer Partyszene so atemlos abgehackt zu werden, dass man den Eindruck gewinnt, man stehe mit Yrsa im Stroboskoplicht auf der Tanzfläche.

Aus meiner Sicht handelt es sich bei Honey von Imani Thompson nicht um einen reinen Unterhaltungsroman und schon gar nicht um ein Feel Good Buch. Im Gegenteil, Honey ist intelligente Literatur, die zum Nachdenken anregt und mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert. Ich habe beginnend mit dem Cover, welches mich erst abgeschreckt und dann neugierig gemacht hat, auch beim Lesen durchgehend Ambivalenz gespürt. Die Wut der Protagonistin ist nachvollziehbar, aber es bleibt unklar, ob ihr Verhalten wirklich Rache bzgl. struktureller Ungerechtigkeiten ist oder sie nur eine Begründung für ihre ohnehin bestehende Mordlust sucht.
Ich habe das Buch gerne gelesen, aber es war zu keiner Zeit ein entspanntes Lesen. Sollte es die Intention der Autorin gewesen sein, mit ihrem Buch aufzurütteln und auf unterhaltsame Art dazu anzuregen, sich mit unbequemen Fragen, wie z.B. „Kann Gewalt nur durch Gewalt beendet werden?“, auseinanderzusetzen, so ist ihr das voll und ganz gelungen.