Interessante Hauptfigur mit fraglicher Moral

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ariii Avatar

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Honey von Imani Thompson erzählt die Geschichte einer Soziologie-Doktorandin in Cambridge, die Menschen ermordet, die ihrer Meinung nach der Gesellschaft schaden. Schon früh wird deutlich, dass die Protagonistin psychopathische Züge besitzt und von ihrer Vergangenheit schwer gezeichnet ist. Gleichzeitig vertritt sie zunehmend radikale Ansichten gegenüber Männern und nicht-schwarzen Menschen.
Zuerst zum Positiven:
Besonders überzeugen konnte mich der Schreibstil von Imani Thompson. Die Autorin schreibt atmosphärisch und schafft es, ihren Figuren viel Tiefe zu verleihen. Auch das Setting in Cambridge wird lebendig beschrieben und trägt viel zur Stimmung des Romans bei. Obwohl die Hauptfigur bewusst so geschrieben ist, dass man sie nicht mag, gelingt es der Autorin, ihre innere Welt verständlich darzustellen und ihre Entwicklung nachvollziehbar zu machen. Positiv hervorheben möchte ich außerdem das deutsche Cover, das sehr gelungen ist.
Leider hat das Buch aber auch einige Schwächen. Vor allem die vielen Passagen über das Soziologiestudium und die Doktorarbeit sind sehr akademisch formuliert. Gerade die theoretischen Ausführungen über Afropessimismus dürften für Leserinnen und Leser ohne soziologischen Hintergrund schwer verständlich sein. Dabei sollen diese Abschnitte eigentlich Parallelen zu den Taten der Protagonistin herstellen, verlieren sich aber häufig in einer zu anspruchsvollen Sprache.
Auch hätte ich mir mehr konkrete Beispiele für die Rassismuserfahrungen der Hauptfigur gewünscht. Da ihre Weltsicht und ihre Radikalisierung stark davon geprägt werden, bleibt ihre Entwicklung stellenweise schwer nachvollziehbar. Zudem bleiben einige Fragen unbeantwortet – etwa zu Ninas Gedanken oder zum Thema Therapie. Das offene Ende wirkte auf mich leider nicht bewusst gewählt, sondern eher so, als würden einfach einige Kapitel fehlen.
Etwas enttäuscht war ich außerdem davon, dass der Roman als humorvoll angekündigt war. Für mich war er an keiner Stelle lustig.
Insgesamt ist Honey ein interessanter Roman mit einer ungewöhnlichen und vielschichtigen Hauptfigur. Besonders Leserinnen und Leser, die sich intensiv mit Rassismus auseinandergesetzt haben oder selbst entsprechende Erfahrungen gemacht haben, werden viele ihrer Gedanken nachvollziehen können – auch wenn deutlich wird, an welchem Punkt ihre Ansichten ins Extreme abdriften. Gegen Ende nimmt die Spannung noch einmal deutlich zu, was den Roman insgesamt aufwertet.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

Danke an den Rowohlt Verlag und an Vorablesen für die Rezensionsausgabe!