Mehr als nur eine Honigfalle.

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suewid Avatar

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Ich bin mit dem Debütroman von Imani Thompson in die sprichwörtliche Honigfalle geraten. Es war der klebrig süße Schriftzug auf dem rosa Cover, der mich mit seinen glänzenden Lettern angezogen hat. Und ich wollte nur zu gern wissen, ob dieser Roman mehr ist als genau das.

Yrsa ist eine junge Studentin, wunderschön, hochintelligent, beliebt und erfüllt von einer Leere, die sie selbst nicht ganz greifen kann - einer dumpfen, abgestumpften Langeweile. Als sie durch unterlassene Hilfeleistung zur Mörderin wird, entdeckt sie etwas, das diese Leere füllt und ihr ein besonderes Hoch verschafft.


Wer nun einen typisch perfekt getakteten Thriller erwartet, wird enttäuscht und gleichzeitig mit etwas Neuem und Mutigem belohnt.
Die Autorin erschafft mit Yrsa eine Protagonistin, die schonungslos und unangepasst ihren eigenen Weg geht. Sei es an der Uni als Schwarze Doktorandin, die sich in einer weißen und vor allem männlich dominierten akademischen Welt behaupten muss, oder als Frau im Umgang mit Männern, aber auch mit Familie und Freunden.

Ich mochte besonders an diesem Roman, dass es kein klassisches moralisches Ringen mit den Taten gibt. Auch gerät Yrsa nicht in kopflose Panik und verheddert sich nicht in Ungereimtheiten. Ihre abgeklärte, kluge Art passt sehr gut zur Grundstimmung des Buches.
Dadurch sind es weniger die Taten selbst, die mich erschauern lassen, als das, was in Yrsa in Bewegung gerät.
Die Dinge, auf die sich ihre Wut richtet, wie Alltagsrassismus, strukturelle Ausgrenzung und Misogynie, rücken immer wieder in den Vordergrund.

„Das Ding ist, ein junges Schwarzes Mädchen zu sein, heißt, dass die Welt nicht für dich gemacht ist.
In der Drogerie gibt es keine passende Foundation für dich. Du hast den Schulbücher zufolge nichts erreicht bis zu jenem Moment, in dem Rosa Parks in einem Bus saß.
Du bist unverschämt oder ein Fetisch oder zu viel.
Kannst du leiser sein, bitte. Kannst kleiner sein, bitte.“ Seite 195

Die Autorin erzählt in einer ruhigen, beinahe kühlen Art und schafft es trotzdem, dem Text eine enorme Wucht und Durchschlagskraft zu geben, die mich immer wieder aufgerüttelt hat.
Gerade darin liegt für mich die eigentliche Stärke des Romans. Er verweigert klare Einordnungen und zwingt dazu, die eigene Erwartung an Schuld, Verantwortung und Identifikation zu hinterfragen.

Leider hat der Roman für mich aber eine deutliche Schwachstelle.
Der Text verliert sich in Längen.
Auf spannende philosophische Ansätze folgen immer wieder Passagen, in denen sich Gedanken wiederholen oder im Alltäglichen verlaufen, ohne neue Impulse zu setzen.
Szenen, die in ihrer Klarheit stark beginnen, werden dadurch unnötig gedehnt.
So zog sich der Roman für mich stellenweise zu sehr und hat seine eigene Intensität immer wieder ausgebremst.


Meine Bewertung:
(3,5 von 5 Sterne)

Imani Thompsons Debüt „Honey“ ist definitiv kein klassischer Thriller, kein Gut gegen Böse, die Grenzen verschwimmen hier nahezu vollständig.
Wer sich auf einen intelligenten, fordernden Text über weibliche Wut einlassen kann, wird trotz der Längen mit einem intensiven Roman belohnt, der im Kopf bleibt und zum Diskutieren anregt.