Shocking - but in a good way

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
dani_lovski Avatar

Von

Ich habe ich den Debütroman „Honey“ von Imani Thompson in nur drei Tagen durchgelesen und kann das Buch sehr empfehlen.

Die Geschichte handelt von Yrsa, einer Dozentin an der Cambridge Universität, die gerade ihre Doktorarbeit über „Afropessimismus und den Befreiungsdiskurs Schwarzer Frauen“ schreibt. Was nicht ganz unwichtig für die Handlung ist. Ihre Thesen, Abhandlungen und Ausschnitte aus Literatur, die sie für ihre Arbeit liest, verweben sich mit der Story und lehren auch uns als Leser:innen etwas über die Thematik. Yrsa versucht, diese Thesen über Gewalt, Rassismus und Sexismus mit Situationen aus dem eigenen Leben zu vergleichen und zu „beweisen“. Diese Einschübe haben mir ausgesprochen gut gefallen. Ich hatte das Gefühl, als weiße privilegierte Person etwas dazuzulernen und konnte mich dadurch besser in Yrsa hineinversetzen.

Die Thematik des Romans ist unglaublich vielschichtig, gesellschaftskritisch und lässt sich kaum auf wenige Worte reduzieren. Würde ich den Plot sehr vereinfacht beschreiben, geht es um eine junge Frau, die aufgrund ihrer persönlichen und strukturellen Erfahrungen beginnt, Männer zu ermorden, die es ihrer Ansicht nach verdient haben. Erst zufällig, dann geplant.

Im Ansatz konnte ich Yrsas Intention sogar verstehen, Rache oder Gerechtigkeit üben zu wollen. Gleichzeitig hat sie loyale und liebevolle Freundinnen, die sich um sie kümmern, eine besondere Freundschaft zu einer älteren Dame und beginnt eine Beziehung mit einem einfühlsamen Mann, der sie liebt. Trotzdem gelingt es ihr nicht, sich vom Morden zu lösen. Ich habe gehofft, dass diese positiven Beziehungen sie „heilen“ oder ihr zumindest helfen würden.

Anfänglich empfand ich Yrsas empathielose Art amüsant. Je mehr wir jedoch über sie erfahren, erkennen wir, dass ihre Traumata viel tiefer sitzen, was sie geprägt hat, und welche (für mich kaum nachvollziehbaren) schmerzhaften Handlungen sie daraus entwickelte. Es geht auch um generationsübergreifendes Trauma. Das ihrer Mutter und ihrer Großmutter, der sie sehr nahe stand, wird auf Yrsa übertragen.

Der Schreibstil ist außergewöhnlich und faszinierend. Teilweise sehr kurzweilig und rasant erzählt, an anderen Stellen fast poetisch, und in Metaphern erzählend und durch kurze wissenschaftliche Abschnitte geprägt.

Mit der Zeit wird die Handlung immer absurder, Yrsas Pläne geraten völlig außer Kontrolle und ich konnte das Buch kaum noch aus der Hand legen. Das Ende hat bei mir ein großes „WHAT the…?!“ ausgelöst. Im ersten Moment war ich nicht ganz damit zufrieden, hätte mir aber auch irgendwie kein anderes Ende vorstellen können. Daher war es für mich nach kurzer Atempause passend.

Alles in allem ist das ein wilder, intensiver Roman und ein wirklich beeindruckendes Debüt, das ich allen empfehlen kann, die sich auf anspruchsvolle Literatur einlassen möchten und keinen leichten Roman erwarten. Einige explizite Szenen fand ich fast ein wenig verstörend, dies würde ich vor dem Lesen bedenken.