Wut der letzten Jahrhunderte bahnt sich ihren Weg

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la tina Avatar

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Yrsa schreibt als Woman of Colour an ihrer Doktorarbeit an der Fakultät für Soziologie in Cambridge. Nebenbei unterrichtet und betreut sie Studentinnen und Studenten der ersten Semester. Schon früh wurde sie mit Vorurteilen einer misogynen und rassistischen Gesellschaft konfrontiert. In der Sonntagsschule z. B. mit Auflagen und Verboten, um als ehrbares und wohlerzogenes Mädchen zu gelten. Und zugleich die Erfahrung, wie sich in ihrer Jugend Männer auf einer Datingplattform schamlos bei ihr meldeten, die doppelt so alt waren wie sie und danach gierten, bei ihr zum Zug zu kommen.

[Er] hatte aus ihr ein Objekt gemacht, eine Ware mit zugeschriebenem Wert; machtlos. Und sie hatte ihn totgemacht. (Zitat S. 112)

Durch das Thema ihrer Doktorarbeit beschäftigt sich Yrsa stark mit der Ausbeutung der People of Colour (PoC), insbesondere der Frauen. Doch auch in ihrem eigenen Umfeld beobachtet sie, dass die Frau von vielen Männern als Konsumgut betrachtet wird. Frauen werden ausgebeutet bzgl ihres Körpers, ihrer Fähigkeiten, ihres Wissens, bei gleichzeitiger Ignoranz ihrer Sichtweisen. Nachdem ein Professor schamlos ihre Studienkollegin in mehrfacher Hinsicht ausgenutzt hat, besitzt Yrsa keine Skrupel die Gelegenheit zu nutzen, ihm zu schaden. Kein Mord, sie hat nur ein wenig nachgeholfen. Ein Tod, rein durch Zufall entstanden und offiziell als Unfall registriert. Eine Biene war Schuld. Etwas, was Yrsa eine unerwartete Befriedigung verschafft.
Bis zu diesem Punkt bietet der Roman eine brisante Aktualität aus Sicht einer Woman of Colour, die emotional gut mitzuverfolgen ist. Arroganz und Verhaltensweisen einiger männlicher Individuen lassen beim Lesen schnell die Alarmglocken schrillen. Möglich, dass dieser Moment mit der Biene der Wendepunkt in Yrsas Leben ist, ab welchem sie eine Kanalisation für ihre Wut findet. Im Verlauf des Romans vermischt sich die ganze misogyne Gewalt der Männer, welche Frauen im Laufe der Geschichte erfahren mussten (und mit welcher sie sich beruflich durchgängig befasst), in ihrem Kopf mit den Taten der Männer in der Realität. Immer mehr Wut staut sich in ihr auf, immer stärker ist ihr Wunsch nach tödlicher Vergeltung. Und immer größer wird die Gefahr, die eigene Objektivität, sich selbst zu verlieren.

Sie hasst sie alle. (Zitat S. 20)

Bis zu einem gewissen Punkt konnte ich Yrsas Entwicklung mitverfolgen. Ein paar Einblicke in die Thematik ihrer Doktorarbeit waren da hilfreich oder zumindest interessant. Und dennoch tat ich mich im Verlauf der Handlung immer schwerer damit, Yrsas Charakter zu verstehen, insbesondere der Verlauf ihrer tödlichen Obsession. Es ist nicht allein ihre Distanziertheit, sondern auch ihr Hang zur Unehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber. Sie wirkt über Längen wie emotionslos, nur um im nächsten Moment ihre angestaute Wut wie bei einem Vulkan ausbrechen zu sehen. Doch eine Auseinandersetzung mit gewissen Geschehnissen bleibt den Lesenden oft verwehrt. Auch fehlten mir ausreichend ehrliche Interaktionen, um sie als Charakter greifbar zu machen. Für mich ging die Mischung aus Provokanz, Fakten und Gesellschaftskritik final nicht auf, weil langatmige Abschnitte wiederholt die Handlung ausbremsten, ohne bei mir ein Gefühl des Mehrwertes erzeugen zu können. Für die für meinen Geschmack stellenweise zu langatmige Umsetzung einer gelungenen Idee gebe ich 3,5/5.