Ganz ein Evers - Berlin, trockener Humor und doch ein wenig Krimi

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
nil Avatar

Von

Da ist diese junge Kommissarin mit dem Namen eines Ohrwurms. Hope Joanna Marlow – benannt nach einem Eddy-Grant-Song, gezeugt irgendwo zwischen Ost und West, Mauerfall-Nachhall und deutsch-deutscher Romantik. Eigentlich wollte sie mal zu Olympia, jetzt kämpft sie nicht mehr auf der Matte, sondern mit Berliner Realität: Spätis, Smartphones, schrägen Kollegen und einer Mordserie, die sich anhört, als hätte jemand einen Verschwörungstheoretiker zu lange unbeaufsichtigt gelassen. Hitler-Fluchtkoffer, rechtsradikale Zirkel, ein mysteriöses Elixier – und mittendrin Hope Joanna, die selbst wirkt, als könnte sie manchmal kaum glauben, in welchem Film sie hier gelandet ist.

Und genau das macht den Reiz dieses Romans aus: Er versucht gar nicht erst, ein geschniegelt düsterer Hochglanzkrimi zu sein. Stattdessen stolpert man durch ein Berlin, das herrlich überdreht, absurd lebendig und gleichzeitig erstaunlich nah an der Wirklichkeit wirkt. Denn Horst Evers schreibt nicht gegen den Irrsinn an – er nimmt ihn einfach als Grundzustand dieser Stadt hin.

Der Ton des Romans erinnert dabei oft weniger an klassische Spannungsliteratur als an einen sehr klugen Kneipenabend mit jemandem, der gleichzeitig Kabarettist, Menschenbeobachter und Chaoschronist ist. Die Dialoge knistern vor Berliner Schnauze, trockener Schlagfertigkeit und diesem ganz speziellen Humor, der so tut, als wäre alles völlig normal, obwohl gerade kompletter Wahnsinn passiert. Viele Szenen leben weniger von Action als von Timing. Von Blicken, Nebensätzen und Figuren, die so schräg sind, dass sie fast schon wieder realistisch wirken.

Besonders Hope Joanna funktioniert großartig als Mittelpunkt dieses Kosmos. Sie hat nichts Glattes oder Überheroisches an sich, obwohl sie rein theoretisch die perfekte Actionfigur sein könnte. Stattdessen wirkt sie angenehm geerdet, manchmal leicht genervt vom eigenen Medienrummel und oft eher wie jemand, der versucht, halbwegs vernünftig durch eine Stadt voller Übertreibungen zu kommen. Gerade dadurch wird sie greifbar.

Überhaupt sind die Figuren die eigentliche Stärke des Romans. Evers kann Menschen mit wenigen Sätzen so skizzieren, dass man sofort eine Stimme im Kopf hat. Kolleg:innen, Nebenfiguren, Verdächtige – viele tauchen nur kurz auf und hinterlassen trotzdem Eindruck. Man merkt, dass der Autor aus einer Welt kommt, in der Beobachtung wichtiger ist als perfekte Plotmechanik.

Und ja: Der Kriminalfall selbst steht dabei manchmal eher im Hintergrund. Die Mordserie und die Verschwörungsidee liefern zwar den Motor der Handlung, aber der Roman interessiert sich oft mehr für das Drumherum als für klassische Ermittlungsdramaturgie. Gerade im Mittelteil verliert sich die Geschichte gelegentlich in ihren eigenen Abschweifungen, skurrilen Begegnungen und Dialogschlenkern. Wer einen straff konstruierten Hochspannungskrimi erwartet, könnte deshalb ungeduldig werden.

Aber vielleicht liegt genau darin auch die Qualität des Buches. Hope Joanna fühlt sich an wie Berlin selbst: laut, seltsam, widersprüchlich, manchmal chaotisch, manchmal erschöpfend – und dann plötzlich wieder urkomisch. Eine Mischung aus Gesellschaftssatire, Krimi und Großstadtgroteske, die weniger durch Suspense glänzt als durch Atmosphäre und Sprachgefühl.

Besonders stark ist dabei dieser schnoddrige, fast beiläufige Stil. Die Sätze wirken oft absichtlich unpoliert, sehr gesprochen, sehr direkt – und genau deshalb entwickeln sie so viel Charme. Man hat ständig das Gefühl, jemand erzähle einem diese Geschichte nachts an einer Imbissbude in Neukölln, während im Hintergrund irgendwo ein Polizeiwagen vorbeizieht und jemand „Electric Avenue“ summt.

Vielleicht kein Krimi, der einem den Puls hochtreibt. Aber definitiv einer, der unterhält, beobachtet, kommentiert und sich mit viel Berliner Herz dem Irrsinn unserer Gegenwart widmet. Und allein für diese wunderbar schrägen Zwischentöne lohnt sich die Reise in Hope Joannas Welt.