Düstere Romance – perfekt für gemütlich-schaurige Leseabende

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franci Avatar

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„House of Rayne“ ist eine spicy Sapphic-Romance mit atmosphärischen Horror-Elementen und düsteren Geheimnissen: perfekt für herbstliche Lesestunden.

Als Salem auf die Inhaberin des Bed and Breakfasts trifft, in dem sie sich für zwei Wochen eingemietet hat, verstummt die Grafikerin. Immerhin steht sie ihrem One-Night-Stand der letzten Nacht gegenüber. Auch Rayne verschlägt der Anblick des Gastes die Sprache, sieht sie ihre Bettgeschichten üblicherweise nie wieder.
Da Salem die Insel wie jede/r UrlauberIn bald verlassen muss, atmet die verschlossene Besitzerin auf. Denn so sehr sie Salems Art und Anwesenheit schätzt, so gefährlich wäre es, wenn sie bliebe … doch manchmal ist das Schicksal ein Miststück und so ist Salem selbst dann noch auf Blackridge Island, als alle BesucherInnen und die letzte Fähre der Saison längst zurück auf dem Festland, in Sicherheit sind …

Harley Laroux führt uns in einem einnehmenden, teilweise verführerisch poetischen, von Distanz und Vorsicht durchtränkten Stil durch ihren Roman. Unheimliche Dinge geschehen auf der Insel, geisterhafte Gestalten suchen das B&B heim, Menschen verschwinden und ein groteskes Geschöpf hinterlässt nichts als Verderben. Schon bald droht Salem inmitten geflüsterter Angst und dem gefährlichen Wispern verloren zu gehen. Aber Rayne wird ihr Anker in tiefster Dunkelheit, in blutigen Albträumen. Ein Fels. Von Rissen gezeichnet, doch scheinbar unbrechbar.

Erzählt wird aus wechselnder Perspektive, was uns einen direkten Zugang zu den Protagonistinnen ermöglicht. Obwohl Salem nur wegen eines gebrochenen Herzens und zerstörter Pläne im Balfour Manor gelandet ist, genießt sie die Auszeit an der Seite der verschwiegenen Frau. Hier kann sie ihre Gelüste und Begierden ausleben, findet sich in nie gefühlter Ekstase wieder. Stellt sich dem Verlangen, das schon viel zu lange in ihr existiert, und sprengt die Fesseln der Gesellschaft, Konventionen und ihre Unsicherheiten.
Rayne, deren eng mit der Tragödie verwoben ist, die seit knapp zwei Jahrzehnten zur Winterzeit den Tod über ihre Heimat bringt, lässt langsam ihre Mauern, erbaut aus herben Verlusten und tiefgreifendem Schmerz, fallen. Gleichzeitig wächst Schuld in ihr – denn wie kann sie einen so guten Menschen, wie Salem es ist, zu solch einer Bürde verdammen?
Beide Frauen, ihre Ängste und Probleme, der Mangel an Selbstakzeptanz und -liebe, waren nachvollziehbar und echt ausgearbeitet, genau wie ihre individuelle, von den gemeinsamen Erfahrungen und der intensiven Zweisamkeit geebnete Entwicklung. Dafür empfand ich die Basis – den Anfang – der romantischen Komponente als substanzlos und zu schnell. Zudem wirkt Salem – außerhalb der im Bett stattfindenden Kapitel – größtenteils naiv und gewissermaßen einfach, sodass ich für die eine oder andere (fehlende) Reaktion kein Verständnis erübrigen konnte. Abgesehen von den Protagonistinnen begegnen wir auch anderen Figuren, diese bleiben aber blasse Schemen. Tatsächlich hätte ich mir mehr von der „tief religiösen Inselgemeinschaft“ erhofft.

Im Verlauf werden die dunklen Gegebenheiten logisch aufgegriffen. Durch temporeiche und adrenalingeladene, haarscharfe Konfrontationen mit dem „Engel“ erhält die namenlose Bedrohung Kontur, während es die Entdeckungen der Frauen, Visionen und verwaschene Hinweise sind, die dem Monster nach all den Jahren einen unerwarteten Ursprung verleihen und Rayne Antworten schenken. Dabei mangelte es insgesamt mehrfach an Aktivismus, verlieren sich die Liebenden gerade im Mittelteil in Passivität, in stillem Warten, was zu Längen führt.
Nichtsdestotrotz schuf Laroux mit ihren Worten eine dichte, atmosphärische Story, die von Dunkelheit und einer subtilen Bedrohung durchzogen, von düsteren Bildern besprenkelt ist. Das mystisch wirkende, abgeschiedene Insel-Setting war eine hervorragende Wahl, denn in Kombination mit den schaurigen Horror-Elementen, den Wendungen und den actionreichen Sequenzen erzeugt die Autorin Gänsehaut. Animiert zum Miträtseln, lässt vorsichtig werden. In dieser paranormalen Romanze zeigt Harley außerdem, dass WW nicht gleichbedeutend ist mit soft und kuschelig, zaghaft und sanft, sondern dass es auch unter Frauen heiß, derb und hart zugehen kann. Salem und Rayne geben sich Spielen aus Dominanz und Unterwerfung, ihren Fantasien hin, nutzen Toys, lieben laut. Die expliziten Szenen waren anschaulich, stimmungsvoll und direkt, jedoch möchte ich einerseits die Vielzahl dieser bemängeln, andererseits sind einige der intimen „Zusammenkünfte“ vollkommen deplatziert – man müsste doch meinen, dass ein undefinierbares, blutrünstiges und scheinbar unaufhaltsames „Geschöpf“ wie auch die Gegenwart einer geisterhaften Erscheinung eher ab- statt anturnend sind …
Am Ende warten noch einige Wahrheiten darauf, die Protagonistinnen und uns zu überraschen.

„House of Rayne“ ist eine mystische Romance, die vor allem mit der geheimnisvollen, düsteren Note und der Ungewissheit auf jeder Seite fesselt.