Herz über Bord

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Schon nach diesen wenigen Seiten hatte ich wieder das ganz besondere Gefühl, das ich bereits bei „Hummerjahre“ so geliebt habe. Denn man liest nicht einfach nur eine Geschichte, sondern taucht regelrecht in eine eigene kleine Welt ein. Stone Harbor mit seinen Hummerbooten, dem Meer, den rauen Wintern und den ersten warmen Frühlingstagen wirkt wundervoll lebendig. Obwohl die Leseprobe auch von Verlust, Einsamkeit und alten Wunden erzählt, liegt über allem dieses ganz besondere Gefühl von Aufbruch und Sommer, auf das ich mich beim Lesen sofort eingelassen habe.
Das Cover gefällt mir ausgesprochen gut. Es vermittelt für mich genau diese Mischung aus Meer und Sehnsucht, die auch die Geschichte ausstrahlt. Es macht neugierig, ohne zu viel zu verraten. Zugleich passte es für mich wunderbar zur Geschichte und natürlich zu Band 1.

Besonders angetan bin ich von Beatrix Gerstbergers Schreibstil. Sie schreibt sehr bildhaft, ohne dass die Beschreibungen überladen wirken. Ich konnte mir Stone Harbor wieder sofort vorstellen mit seinen bunten Holzhäusern, den Hummerbooten im Hafen, den Geruch nach Tang und natürlich das Meer. Gleichzeitig steckt viel Gefühl zwischen den Zeilen.
Gerade Julie hat mich dabei sofort für sich eingenommen. Sie ist 73 Jahre alt, verwitwet, eigenwillig und alles andere als eine klassische Romanheldin. Sie hadert mit ihrem Alter und ihrer Einsamkeit, besitzt aber gleichzeitig eine beeindruckende Stärke und einen herrlich trockenen Humor. Ihre Begegnung mit Jimmy im Supermarkt hat mich zum Schmunzeln gebracht und gleichzeitig gezeigt, wie verletzlich sie hinter ihrer großen Klappe eigentlich ist.
Auch Mina ist eine Figur, bei der ich unbedingt wissen möchte, wie es mit ihr weitergeht. Nach außen führt sie mit Carlos und ihrer Tochter Luca ein stabiles, scheinbar glückliches Leben in Seattle. Doch ihre Vergangenheit auf Stone Harbor und vor allem Sam sind offensichtlich längst nicht so abgeschlossen, wie sie selbst vielleicht gerne glauben würde. Besonders spannend finde ich dabei die unterschiedlichen Generationen und Lebensentwürfe, die hier aufeinandertreffen. Luca beginnt, ihre eigene Geschichte und ihre Herkunft zu hinterfragen, während Mina mit Entscheidungen aus ihrer Vergangenheit konfrontiert wird.
Gleichzeitig haben wir dann noch Ann, die für mich eine Figur ist, die zumindest in der Leseprobe viel Wärme ausstrahlt. Ihre Freundschaft mit Julie, ihre Verbindung zu Mina und ihre Liebe zu diesem ungewöhnlichen blauen Hummer Mr. Darcy machen sie sofort sympathisch. Gleichzeitig deutet ihre Vergangenheit an, dass auch sie einiges mit sich herumträgt. Überhaupt scheint jede dieser Frauen ihre ganz eigene Geschichte zu haben.

Der Spannungsaufbau hat mich überrascht, weil die Leseprobe nicht von Anfang an mit einem großen Knall arbeitet. Stattdessen entsteht die Spannung ganz allmählich aus den Beziehungen und den offenen Fragen. Wer ist Sam wirklich? Was ist damals zwischen ihm und Mina passiert? Warum zieht es Luca plötzlich nach Eagle Island? Und wird Mina tatsächlich nur wegen ihrer Tochter zurückkehren oder steckt dahinter auch ihre eigene Sehnsucht nach einem Leben, das sie eigentlich längst hinter sich gelassen hatte?
Spätestens als Ann und Julie bei Sturm draußen auf dem Meer sind und der Funkkontakt plötzlich unheimlich wird, war meine Neugier endgültig geweckt. Man spürt, dass die Vergangenheit dieser Frauen noch längst nicht erzählt ist und dass das Meer im wahrsten Sinne des Wortes noch einiges an die Oberfläche spülen könnte.

Von der Geschichte erwarte ich eine emotionale, sommerliche und gleichzeitig tiefgründige Familiengeschichte über Freundschaft, Liebe, Verlust, Neuanfänge und die Frage, ob man wirklich jemals ganz mit seiner Vergangenheit abschließen kann. Ich hoffe auf ganz viel Stone-Harbor-Atmosphäre, auf die besonderen Figuren und natürlich auf jede Menge Meer.

Warum ich dieses Buch unbedingt weiterlesen möchte? Weil ich „Hummerjahre“ bereits geliebt habe und dieses ganz besondere Sommergefühl, das Beatrix Gerstberger vermittelt, einfach nicht missen möchte. Ich liebe Geschichten, bei denen man am liebsten selbst die Koffer packen, ans Meer fahren und für eine Weile in einem kleinen Küstenort verschwinden würde. Diese Leseprobe hat genau dieses Gefühl wieder ausgelöst. Ich möchte unbedingt erfahren, was passiert, wenn die Vergangenheit nach Stone Harbor zurückkehrt und ob die Insel am Ende tatsächlich für alle ihre ganz persönliche Form von Glück bereithält.