Fahrt in die Vergangenheit

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hasirasi2 Avatar

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„Am Ende, dachte sie, sind es vielleicht nicht die großen Lieben, die bleiben. Sondern die stillen, eigensinnigen. Die, die sich nicht erklären lassen. Manchmal bleibt nur ein Hummer.“ (S. 84)
Seit dem Tod ihrer besten Freundin Ann ist Julie einsam. Eigentlich kam sie als Witwe gut allein zurecht, doch nun sehnt sie sich wieder nach einem Mann. Einfach ist das allerdings nicht: Wer kommt schon mit ihrem durch einen Unfall entstellten Körper, ihrer direkten Art und der Tatsache zurecht, dass sie als Frau zwei Hummer-Fanggründe besitzt?
Dann kehrt Minas Familie nach Eagle Island zurück. Richard ist schwer an Krebs erkrankt und möchte einen letzten Sommer an dem Ort verbringen, der für ihn und Judith einst Heimat war, bevor das Unglück von 1982 alles veränderte.
Für Mina wird die Rückkehr zu einer Reise in die Vergangenheit. Auf der Insel begegnet sie Sam wieder, ihrer Jugendliebe und Lucas Vater. Sind ihre Gefühle für ihn wirklich Vergangenheit oder werden sie durch das Wiedersehen wieder lebendig? Und was bedeutet das für ihre Ehe? Gleichzeitig muss sich Mina mit Lucas Abnabelung und dem langsamen Abschied von ihrem Vater auseinandersetzen.
Für Luca ist dieser Sommer ebenfalls ein Wendepunkt. Sie lernt endlich ihren leiblichen Vater kennen und entdeckt mit ihm und ihrem Großvater Ellis das Leben auf einem Hummerboot – ein starker Kontrast zu ihrem bisherigen Alltag in Seattle. Schnell wird sie zu einem Bindeglied zwischen den verschiedenen Generationen und Familien.
Ellis und Richard waren früher beste Freunde und finden nach all den Jahren mühelos wieder zueinander. Sie können über alles reden, aber genauso gut gemeinsam schweigen, aufs Meer schauen und dabei einen Joint rauchen. Eine Freundschaft, die Jahrzehnte überdauert und zeigt, dass manche Verbindungen eben doch nicht verschwinden, selbst wenn das Leben dazwischenkommt.

Anders als im ersten Band „Die Hummerfrauen“ kommt diesmal mit Ellis auch ein männlicher Protagonist zu Wort. Er war unmittelbar von dem Unglück betroffen, wegen dem Judith und Richard nie auf die Insel zurückgekehrt sind. Ellis' Frau hat ihn nach den Ereignissen verlassen. 37 Jahre später stellt sich die Frage: Sind die beiden nun bereit, sich ihrer gemeinsamen Vergangenheit und einem möglichen Wiedersehen zu stellen?

Und genau darum geht es in diesem Roman immer wieder: um das, was war, und ob man Vergangenes tatsächlich hinter sich lassen kann.

Mit Minas Familie kehren nicht nur alte Erinnerungen und Gefühle nach Eagle Island zurück. Auch die Bewohner der Insel werden mit den Ereignissen von damals konfrontiert. Was ist wirklich passiert? Welche Entscheidungen haben die Leben aller verändert? Und ist es nach so vielen Jahren möglich, endlich reinen Tisch zu machen und mit der Vergangenheit abzuschließen?

Die Geschichte wird aus vielen unterschiedlichen Perspektiven erzählt, die sich abwechseln. Selbst die verstorbene Ann bekommt eine Stimme – allerdings im Sommer 2004, als Mina und Luca bei ihr lebten. Dadurch ergeben sich interessante Rückblicke auf den ersten Band. Für meinen Geschmack waren es allerdings stellenweise zu viele Perspektivwechsel und Rückblenden, wodurch die Geschichte für mich zeitweise an Tempo verlor. So richtig Fahrt aufgenommen hat sie erst im letzten Drittel. Trotzdem habe ich den Roman sehr gern gelesen.

Was mich trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – an dem Buch gehalten hat, ist die Atmosphäre. Beatrix Gerstberger schreibt wunderbar bildhaft über Maine, das Meer und die Hummerfischerei. Man spürt ihre Liebe zu diesem besonderen Landstrich und zu den Menschen, die dort leben.
Gleichzeitig ist die Geschichte viel mehr als eine Familiengeschichte: Sie beschäftigt sich mit großen Fragen des Lebens – mit richtig und falsch, mit Entscheidungen, die ein Leben beeinflussen und verändern können, und mit dem Mut, zu bleiben oder zu gehen.

„Hummerjahre“ hat für mich nicht ganz die Sogwirkung des ersten Bandes entwickelt. Trotzdem habe ich die Rückkehr nach Eagle Island sehr gern angetreten. Vor allem die Figuren, die besondere Atmosphäre und die leisen Zwischentöne haben mich immer wieder zurück auf die Insel gezogen. Nicht jede Geschichte muss rasant sein, um nachzuwirken. Manche brauchen eben ihre Zeit, so wie manche Lieben.

Und dann wäre da natürlich noch die wirklich entscheidende Frage: Lebt der Hummer Mr. Darcy noch? Das müsst ihr schon selbst herausfinden.