Hummerjahre: Man wächst nicht, wenn man die alte Schale nicht abwirft

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regina1960 Avatar

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Ich hatte anfänglich etwas Probleme, in den Roman „Hummerjahre“ der Autorin Beatrix Gerstberger zu kommen. Ich denke, dies lag vor allem daran, dass mir das Hintergrundwissen aus dem Vorgängerband „Hummerfrauen“ fehlte. Das behinderte anfänglich meinen Lesefluss, es fehlten mir die Zusammenhänge, was sich nach dem ersten Drittel des Romans aber deutlich verbesserte. Insgesamt zählt das haptisch sehr ansprechende Buch 352 Seiten, die sich auf 33 zum Teil sehr kurze Kapitel verteilen. Der Schutzumschlag wird von Hummermotiven verziert, das Motiv setzt sich dann auch noch auf dem Buch selber fort. Ich habe das Hardcover-Exemplar gelesen, was insgesamt einen sehr wertigen Eindruck macht. Jedes einzelne Kapitel erzählt fragmentarisch und in Zeitsprüngen aus dem Leben der Romanfiguren, wobei die Protagonistinnen Mina (47), Julie (73) und Judith (75), für mich am deutlichsten als Charaktere hervorstachen. Mina hat in ihrer Kindheit mit ihren Eltern, Judith und Richard, sowie ihrem älteren Bruder Christopher viele schöne Sommerurlaube auf Eagle Island verbracht. Hier lernte sie auch ihre Jugendliebe Sam kennen, mit dem sie später eine Tochter, Luca, bekam. Doch die Beziehung zerbrach, Mina strandete für einige Jahre bei Julie und Ann, später heiratete sie Carlos und zog nach Seattle. Nach ihrem Schulabschluss möchte ihre Tochter Luca für eine Weile auf die Insel, um Zeit mit ihrem Vater Sam und dem Großvater Ellis zu verbringen. Zeitgleich äußert Minas todkranker Vater Richard ebenfalls den Wunsch, dass er noch einmal gemeinsam mit seiner Frau Judith und Mina auf die Insel möchte, um die Leichtigkeit vergangener Zeiten zu verspüren. Für Mina und auch ihre Mutter Judith entpuppt sich die Rückkehr auf die Insel zu einer ihrer größten Herausforderungen im Leben. Mina verspürt noch immer diese magische innere Verbindung zu Sam, die sie wieder in seine Arme treibt und vor die schmerzhafte Wahl stellt, ob sie bei ihrem Mann bleiben oder sich für ihre Jugendliebe entscheiden soll. Judith hingegen wird auf der Insel schmerzhaft konfrontiert mit dem Tod ihres Sohnes Christopher und einer verdrängten Schuld in Verbindung mit dem tödlichen Unfall von dessen besten Freund Jack. Seit Jahrzehnten trägt Judith ein Geheimnis mit sich herum, das sich beim Inselbesuch auf einmal qualvoll entlädt. Und die Hummerfischerin Julie hadert nach dem Tod ihres Mannes Natt und der besten Freundin Ann mit Einsamkeit und dem Alterungsprozess und sucht nach neuen Perspektiven. Für alle entwickelt sich das Wiedersehen nach Jahrzehnten zu einer schmerzhaften dennoch unabdingbaren Aufarbeitung der Vergangenheit. Alte Wunden und Verletzungen werden ins Bewusstsein gerufen und schreien nach Aufarbeitung, Akzeptanz, Vergebung und Neuanfang. Auch die angespannten zwischenmenschlichen Gemengelagen geraten auf den Prüfstand und entwickeln sich zum Schluss des Buches hin in eine versöhnliche Richtung. Der Hummer steht dabei symbolhaft. Wie das Schalentier, das sich fortwährend häutet, damit es weiterwachsen kann, durchleben auch alle Romanfiguren einen ähnlichen Prozess. Das Wiedersehen entpuppt sich als eine große Herausforderung aber auch eine Chance für alle. Es scheint, als ob diese eine Insel alles Vergangene hochgeholt hat und gleichsam die Menschen in den Prozess des Loslassens und somit in die Heilung geführt hat. Gepunktet hat die Autorin bei mir mit ihrem einfühlsamen und flüssigen Schreibstil. Sie ist eine exzellente Beobachterin, weiß, wie man das Seelenleben und die Widersprüchlichkeit von Menschen porträtiert und zieht damit ihre Leserschaft fesselnd in den Sog von Gefühlsgemengelagen ein. Gleiches gilt auch für die eindringlichen Beschreibungen von Natur und Menschen in Maine. Sie haben bei mir recht deutliche und lebendige Bilder im Kopf dieser rauen felsigen Küstenlandschaft am ungestümen Atlantischen Ozean entstehen lassen. Bis dahin war mir diese Region völlig fremd. Insgesamt war das Buch ein fesselndes und unterhaltsames Leseerlebnis, ich empfehle jedoch, vorab den Vorgängerband zu lesen.