atmosphärische Dystopie; nichts für Leser, die abgeschlossene Geschichten mögen

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petzi_maus Avatar

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3,5 Sterne

Die ich-Erzählerin ist eine junge, namenlose Frau, die etwas sarkastisch über ihr Leben berichtet.
Sie kennt nichts anderes als den Käfig, denn sie ist mit 39 anderen Frauen eingesperrt, ohne Tageslicht. Bewacht von Männern, die nicht mit ihnen sprechen.
Bis eines Tages ein Alarm losgeht und die Männer verschwinden. Da die Käfigtür nicht verschlossen ist, wagen es die Frauen, rauszugehen. Doch draußen ist alles ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatten bzw. aus ihrer Erinnerung kannten.

Die Geschichte ist einzigartig. Einerseits hat es mich ganz verrückt gemacht, dass man nichts erfährt! Und mir gingen beim Hören soo viele warum-Fragen durch den Kopf! Warum und seit wann sind die Frauen eingesperrt; warum genau 40; warum nur 1 ganz junges Mädchen, während alle anderen schon erwachsen waren, als sie eingesperrt wurden; warum werden sie ständig von Wärtern bewacht; warum sprechen diese Wärter nichts; warum dürfen sich die Frauen nicht anfassen, und WARUM gibt man ihnen nichts zu tun? Es erscheint somit ganz logisch, dass die sich selbst umbringen wollen - die müssen ja eingehen vor Langeweile! Ein bisschen kochen, Zöpfe flechten, Kleidung flicken. Und reden, aber da auch nicht zu viel. Nicht einmal Bewegung ist möglich, denn der Käfig muss ja extrem klein sein, wenn die Peitsche der Wärter überall hin kommt. SCHRECKLICH dieser Gedanke. Also WARUM werden die Frauen unter diese unmenschlichen Bedingungen am Leben erhalten?
Andererseits ist genau DAS das Stilmittel der Geschichte - man weiß nur genauso viel (oder eher wenig) wie die Frauen selbst. Echt gut gemacht!

Trotzdem finde ich einige Dinge unglaubwürdig: warum haben die älteren Frauen dem jungen Mädchen keinen Namen gegeben? Bzw. warum hat es sich nicht selbst einen ausgesucht. Wenn alle einen Namen haben, wähle ich doch für mich selbst auch einen, wenn es schon die anderen nicht machen. Und warum erklären sie dem Mädchen nicht die Dinge von draußen? Immerhin reden sie selbst miteinander ja ständig über ihr Leben von früher.

Die dystopische, beklemmende Atmosphäre ist sehr bedrückend und deprimierend. Die eingesperrten Frauen tun einem sehr leid; sie haben ja NICHTS. Sie bekommen zwar Lebensmittel, um zu kochen, aber für geistige und körperliche Beschäftigung und emotionale ... ist nicht gesorgt. Sie haben kaum Platz, nichts zu lesen, zu schreiben; ja nicht einmal einen Spiegel.
Die Charaktere der Frauen kommen eigentlich erst so richtig raus, als sie "in Freiheit" sind, zuvor war es für mich so ein Einheitsbrei. Nur die ich-Erzählerin lernt man genauer kennen. Sie ist sehr abgestumpft und emotionslos, erst später entwickelt sie Neugierde.

Es gibt leider einige unlogische Stellen, zB dass sie sich selbst anhand der gefundenen Bücher lesen beibringt (obwohl sie zuvor nur vor vielen Jahren mal Buchstaben im Staub gezeigt bekommen hat). Auch, dass nach all den Jahre (etwa 50) überall noch Strom vorhanden ist und die Nahrungsmittel (Fleisch und Gemüse) noch nicht verdorben sind. Und auch, wenn die Frauen nicht wissen, wo sie sind und herumspekulieren - warum gibt es Pflanzen, aber keine Tiere?
Und noch mehr Fragen über die Käfige, den Grund für das Eingesperrtsein, das Desinteresse der Wärter und vieles mehr.
Man bleibt - ebenso wie die Erzählerin - bis zum Schluss im Ungewissen, was mich normalerweise fertig macht, hier aber als Stilmittel gut passt, weil es eben genau dem entspricht, wie es die Protagonistin wahr nimmt. Dass man am Schluss jedoch keine einzige Antwort erhält, ist dann aber doch deprimierend.

Die Sprecherin Vera Teltz kenne ich bereits von Filmsynchronisationen und ich finde, sie hat einen tollen Job gemacht. Man glaubt wirklich, die Protagonistin erzählt ihre Geschichte, denn ihre Stimme ist genau eintönig und emotionslos, wie man vom Verhalten der ich-Erzählerin erwartet.


Fazit:
Eine wirklich interessante, dystopische, atmosphärische und bedrückende Geschichte. Man fiebert mit, aber erhält leider keine einzige Antwort auf die vielen, vielen Fragen.