Dystopischer Klassiker
Jacqueline Harpmans noch junge namenlose Icherzählerin ist die Jüngste von 40 Frauen, die in einem Kellerverlies gefangen gehalten werden. Die anderen Frauen können noch von einem Leben vor der Gefangenschaft erzählen. Das Mädchen hat an seine Kindheit keine Erinnerungen und auch Erzählungen über die Anfangszeit der Haft werden weniger, weil einseitige Ernährung, mangelnde Bewegung und fehlender Körperkontakt die Frauen in Gleichgültigkeit erstarren lässt. Die ältere Thea fühlt sich zwar verpflichtet, sich um das Mädchen zu kümmern, aber sie kann oder will der Erzählerin nicht berichten, was sie für ein Kind war, als sie zu der Frauengruppe kam.
Als eines Tages ein Alarmton zu hören ist und die Wachen verschwinden, die mit der Androhung von Peitschenhieben erfolgreich geherrscht hatten, gelangen die Frauen durch offene Türen an die Oberfläche. Völlig unvorbereitet, eine fremde Umgebung zu erkunden und zugleich dauerhaft die für ihr Überleben nötigen Mittel „Wasser, Nahrung, Wärme“ zu beschaffen, erkundet das gesamte Rudel gemeinsam die Außenwelt. Strom scheint unbegrenzt zur Verfügung zu stehen, ein Fluss existiert, aber die sternförmige Erkundung der Erdoberfläche, die stets zum Konserven-Depot zurückführen muss, wirkt ziellos. Die Erzählerin, die für eine evtl. folgende Generation Aufzeichnungen hinterlässt, berichtet rückblickend, wie sie selbst hartnäckig versuchte, die anderen Frauen zu befragen und häufig als Antwort erhielt: das musst du nicht wissen, es gibt keine Männer, daher musst du über deinen Körper nichts wissen. Erstaunlich, dass ausgerechnet dieses Mädchen konsequent nach Wissen strebt, zählen lernen will und als einzige in Grenzen abstrakt zu denken versucht. Der Gruppe gelingt es, in kleinen Etappen ihren Radius zu vergrößern und mehr über das System der Kellergefängnisse zu erkunden. Die Frauen müssen sich jedoch mit dem Altern aller abfinden und mit der Aussicht, in absehbarer Zeit als Gruppe auszusterben.
Fazit
Der Bericht der Frau, die mit circa 15 Jahren aus ihrem Kellergefängnis freikommt, trieb mich anfangs beim Lesen durch viele offene Fragen vorwärts. Wo befinden sich die Frauen, auf einem fernen Planeten? Wie kann ein Kind in Gefangenschaft aufwachsen ohne feste Bindung und ohne Erinnerungen, aus denen es ein Selbstbild aufbauen könnte? Wie überlebt eine Gruppe, die vorhandene Vorräte konsumiert, aber keinen Plan für die Zukunft hat? Warum interessiert sich niemand für die Herkunft der Konserven und der Militärstiefel, die vermutlich Etiketten trugen. Warum gibt es in einer Gruppe von 40 Personen so wenig handwerkliche und gärtnerische Fähigkeiten? Schließlich bleibe ich mit der Frage zurück, was eine Frau in einer Welt ohne Männer sein kann - und die Erzählerin könnte grübeln, ob im Matriarchat der weibliche Körper als Quelle von Krankheiten nicht nur eine unnütze Last ist …
Angesichts aktueller Kriege, Gefangenenlager und oligarchischer Autokratien eine so beklemmende wie hochaktuelle Lektüre – dystopisch, spekulativ und feministisch durch ihren Focus auf Beziehungen zwischen Frauen. Den häufig behaupteten Bezug auf Atwoods Report der Magd finde ich jedoch wenig hilfreich.
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Die Ausgabe ist eine Neuübersetzung, frühere Ausgabe unter dem Titel: Die Frau, die die Männer nicht kannte, Übersetzerin: Brigitte Große, Hoffmann und Campe 1998, 978-3-455-02884-3.
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Als eines Tages ein Alarmton zu hören ist und die Wachen verschwinden, die mit der Androhung von Peitschenhieben erfolgreich geherrscht hatten, gelangen die Frauen durch offene Türen an die Oberfläche. Völlig unvorbereitet, eine fremde Umgebung zu erkunden und zugleich dauerhaft die für ihr Überleben nötigen Mittel „Wasser, Nahrung, Wärme“ zu beschaffen, erkundet das gesamte Rudel gemeinsam die Außenwelt. Strom scheint unbegrenzt zur Verfügung zu stehen, ein Fluss existiert, aber die sternförmige Erkundung der Erdoberfläche, die stets zum Konserven-Depot zurückführen muss, wirkt ziellos. Die Erzählerin, die für eine evtl. folgende Generation Aufzeichnungen hinterlässt, berichtet rückblickend, wie sie selbst hartnäckig versuchte, die anderen Frauen zu befragen und häufig als Antwort erhielt: das musst du nicht wissen, es gibt keine Männer, daher musst du über deinen Körper nichts wissen. Erstaunlich, dass ausgerechnet dieses Mädchen konsequent nach Wissen strebt, zählen lernen will und als einzige in Grenzen abstrakt zu denken versucht. Der Gruppe gelingt es, in kleinen Etappen ihren Radius zu vergrößern und mehr über das System der Kellergefängnisse zu erkunden. Die Frauen müssen sich jedoch mit dem Altern aller abfinden und mit der Aussicht, in absehbarer Zeit als Gruppe auszusterben.
Fazit
Der Bericht der Frau, die mit circa 15 Jahren aus ihrem Kellergefängnis freikommt, trieb mich anfangs beim Lesen durch viele offene Fragen vorwärts. Wo befinden sich die Frauen, auf einem fernen Planeten? Wie kann ein Kind in Gefangenschaft aufwachsen ohne feste Bindung und ohne Erinnerungen, aus denen es ein Selbstbild aufbauen könnte? Wie überlebt eine Gruppe, die vorhandene Vorräte konsumiert, aber keinen Plan für die Zukunft hat? Warum interessiert sich niemand für die Herkunft der Konserven und der Militärstiefel, die vermutlich Etiketten trugen. Warum gibt es in einer Gruppe von 40 Personen so wenig handwerkliche und gärtnerische Fähigkeiten? Schließlich bleibe ich mit der Frage zurück, was eine Frau in einer Welt ohne Männer sein kann - und die Erzählerin könnte grübeln, ob im Matriarchat der weibliche Körper als Quelle von Krankheiten nicht nur eine unnütze Last ist …
Angesichts aktueller Kriege, Gefangenenlager und oligarchischer Autokratien eine so beklemmende wie hochaktuelle Lektüre – dystopisch, spekulativ und feministisch durch ihren Focus auf Beziehungen zwischen Frauen. Den häufig behaupteten Bezug auf Atwoods Report der Magd finde ich jedoch wenig hilfreich.
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Die Ausgabe ist eine Neuübersetzung, frühere Ausgabe unter dem Titel: Die Frau, die die Männer nicht kannte, Übersetzerin: Brigitte Große, Hoffmann und Campe 1998, 978-3-455-02884-3.
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