Ein Buch, das mich nicht loslassen wird

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
silvia_liest Avatar

Von

Vierzig Frauen leben eingesperrt in einem unterirdischen Käfig. Die jüngste von ihnen, genannt nur „die Kleine“, die kein Leben außerhalb der Gefangenschaft kennt, ist die Erzählerin dieser Geschichte. Die Frauen werden am Leben gehalten, nicht mehr und nicht weniger. Bewacht werden sie von Wärtern, die sie nicht berühren, nicht mit ihnen sprechen. Keine von ihnen weiß, wo sie sind, wie sie im Keller gelandet sind und weshalb sie festgehalten werden. Plötzlich verschwinden die Wärter und die Käfigtür steht offen.

„Ich, die ich Männer nicht kannte“, ist ein kurzes, aber umso eindrucksvolleres Buch. Durch die Augen einer jungen Frau, der wir beim erwachsen und älter werden zusehen, erleben wir eine Gesellschaft, die keine Gesellschaft mehr ist – oder doch? Was bedeutet es, menschlich zu sein, in einer Zivilisation zu leben? Was bleibt, wenn es keine Berührungen gibt, keine Zukunft, für die es sich lohnt, zu lernen, teilweise nicht einmal eine gemeinsame Vergangenheit? Was bedeutet Widerstand, wenn Widerstand zwecklos ist?

Neben dem Rätsel um den Käfig, die Gefangenschaft und die Welt, die die Frauen nach ihrem Entkommen vorfinden, sind das die großen Fragen, die in diesem Buch mitschwingen. Immer wieder kommt beim Lesen ein Gefühl des Grauens auf und eins der unguten Vorahnungen, die immer mehr werden.
Noch mehr nachdenken muss ich über das, was der Titel schon andeutet: „Ich, die ich Männer nicht kannte“ setzt die Identität der Erzählerin sowie die Funktionsfähigkeit ihres Körpers und ihre Beziehung zu dem dazu in Bezug, dass es ihr nicht möglich ist, mit Männern in tieferen Kontakt zu treten. Diese Tatsache unterscheidet sie von ihren Mitgefangenen, die ein Leben vor dem Käfig mit Beziehungen und Elternschaft hatten. Auf der einen Seite ist dies eine binäre Betrachtungsweise, die teils auch biologistisch gelesen werden kann. Andererseits zeigt das Buch auch, welche Beziehungen zwischen Frauen entstehen, denen ohne Männer nichts fehlt, die sich umeinander und sich selbst kümmern und das die Grenzen, die die Frauen untereinander aufrechterhalten, ansozialisiert sind.

„Ich, die ich Männer nicht kannte“ gibt kaum bis wenig Antworten, so viel kann vorweggenommen werden. Aber genau das ist die Kunst und Schönheit dieses Buchs. Stattdessen tauchen Fragen über Fragen auf, über die man sich wahlweise den Kopf zerbrechen oder die man nehmen kann, um den Vorhang vor dem Selbstverständlichen Miteinander in der eigenen Welt etwas zurückzuziehen.