Eine außergewöhnliche Perspektive

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Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman ist ein Roman über ein namenloses Mädchen, das zusammen mit 39 weiteren Frauen in einem Keller eingesperrt aufwächst und dabei viele Fragen über das Leben aufwirft.

Der Einstieg in das Buch fühlt sich an wie das sanfte, aber unmittelbare Eindringen in die Gedanken und Beobachtungen eines Mädchens, dessen Perspektive aufgrund ihrer bisherigen Lebensumstände sehr außergewöhnlich ist. Denn auch wenn sie die Welt draußen und alles, was für uns Lesende selbstverständlich scheint, nicht kennt, ist sie unglaublich neugierig und mutig. Diesen frischen Blick auf alltägliche Dinge fand ich sehr spannend. Ein Blick, der nur beeinflusst ist durch die Erzählungen der 39 Frauen und ihre eigene Fantasie. Das Buch ist für mich somit philosophisch, psychologisch und soziologisch äußerst spannend und regt zum Nachdenken und Diskutieren an.
Nachdem die Frauen eines Tages aus dem Keller entkommen können, ändern sich die Szenerie und das Gruppengefüge. Von nun an müssen sie zusammen in der Welt draußen zurechtkommen, wozu ich leider nicht mehr verraten kann und möchte.

Das Buch wird als feministisch beworben, wonach ich beim Lesen auch durchgehend Ausschau gehalten habe. Und dem würde ich insgesamt auch zustimmen, auch wenn ich ein bisschen etwas anderes erwartet hatte. Harpman übt weniger direkte Kritik aus, als diese in den Handlungen der Frauen, ihrer Gemeinschaft und in der Entwicklung der Protagonistin darzustellen. So gibt es unter den Frauen zum Beispiel keine Hierarchie, sondern jede Frau trägt mit ihren Fähigkeiten etwas zur Gemeinschaft bei. Ich konnte viele feministische Aspekte bei genauem Hinsehen wahrnehmen und bin mir sicher, dass mir auch noch viele weitere entgangen sind. Deutlich wird das auch in der Gegenüberstellung der 39 Frauen, die ein Leben vor der Gefangenschaft hatten und davon geprägt wurden und der Protagonistin, die sich freier davon entwickeln konnte. Dieser und einige wenige andere Aspekte sind aber auch mindestens diskutabel bis problematisch. Zu berücksichtigen ist dabei, dass das Original bereits aus dem Jahr 1995 stammt.

Ich, die ich Männer nicht kannte wirft viele Fragen auf, die kaum geklärt werden. Während das für einige sicherlich unbefriedigend sein kann, liegt darin für mich eine große Stärke. Weil mir die Geschichte noch lange Zeit über das Lesen hinaus nachhängt und ich das Bedürfnis nach Austausche habe.
Von mir gibt es mit 4,5 Sternen definitiv eine Empfehlung für diese besondere Erzählstimme.