Erschütternd

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medsidestories Avatar

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Ich glaube, es ist bislang noch selten, dass ein dreißig Jahre altes Buch, das eigentlich schon fast in Vergessenheit geraten war, noch einmal so einen Hype erlebt, wie ihn "I who have never known men" im vergangenen Jahr erlebt hat.
In seiner englischen Übersetzung habe ich das Buch plötzlich überall gesehen, entsprechend wundert es mich nicht, dass es nun eine deutsche Übersetzung gibt.

Und ja, nach dem Lesen verstehe ich den Hype. Nie zuvor habe ich eine Dystopie gelesen, die so andersartig, so hellsichtig und so erschütternd ist.
39 Frauen leben gemeinsam in einem Käfig, bewacht von Wärtern. Sie wissen nicht wer die Wärter sind, wer sie selbst sind und wie sie dort hineingekommen sind. Es ist eine Existenz rein um der Existenz Willen, bis sich eines Tages die Tür des Käfigs öffnet.

Eschütternd ist dieser Roman im wahrsten Sinne des Wortes.
In seiner Radikalität: Wie kann so viel Brutalität in der Einfachheit einer Tatsache liegen? Dieses Buch ist vielleicht der Inbegriff von "show don't tell", weil alles gezeigt und nichts erklärt wird.

Das lässt die Tür offen - nicht nur die Tür des Käfigs, sondern auch die Tür zur Vorstellungskraft eines Lesenden - für zahllose Interpretationen und Lesarten. Am Ende ist es für mich ein Gedankenkarussell gewesen, weil nichts so richtig gepasst hat. Am Ende doch nichts außer die Sinnlosigkeit Sinn ergibt.

Es ist ein bitteres Verwirrspiel, in dem teils grausame Bilder gezeichnet werden.
Ein Buchclub- oder Leserundenbuch, an dem man sich gemeinsam abarbeiten kann.
Ich würde empfehlen, das Buch in einem mental stabilen Moment zu lesen. Dann handelt es sich aber wirklich eine Geschichte, welche die Aufmerksamkeit verdient, welche sie in den letzten Monaten erhalten hat.
Sie hat mich nachhaltig beeindruckt.