Feminismus?

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bookworm11 Avatar

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ch hatte mir von diesem Buch deutlich mehr erwartet. Die Grundidee ist eigentlich spannend: Eine Gruppe von Frauen lebt unter mysteriösen Umständen eingesperrt und muss sich nach ihrer Befreiung in einer leeren, ungewissen Welt zurechtfinden. Gerade der Titel und die Prämisse ließen für mich eine stärker feministische oder gesellschaftskritische Auseinandersetzung erwarten, etwa mit Geschlechterrollen, Machtstrukturen oder der Frage, was eine Gesellschaft ohne Männer oder mit völlig neuen Bedingungen sein könnte.
Leider bleibt das Buch für mich in dieser Hinsicht etwas rätselhaft, mit einem feministischen Buch wie Der Report der Magd kann es für mich nicht mithalten. Gerade das Potenzial für eine tiefere feministische oder gesellschaftliche Analyse wird meiner Meinung nach kaum ausgeschöpft. Auch Aussagen wie, dass Frauen sich nur für Männer geschminkt hätten, finde ich fragwürdig... womöglich habe ich die Pointe aber auch nicht ganz verstanden.
Auch die Figuren bleiben relativ blass. Obwohl mehrere Frauen gemeinsam diese außergewöhnliche Situation erleben, entwickeln sie sich nur begrenzt zu eigenständigen Charakteren. Dadurch fällt es schwer, eine emotionale Bindung aufzubauen oder ihre Dynamiken wirklich spannend zu finden.
Was jedoch spannend war ist die ungewöhnliche Erzählperspektive. Die Erzählerin wächst ohne gesellschaftliche Prägung auf und beobachtet die Welt deshalb mit einer sehr nüchternen, fast wissenschaftlichen Distanz. Diese Perspektive führt stellenweise zu interessanten Gedanken darüber, wie stark unser Verhalten eigentlich sozial gelernt ist.
Insgesamt ist „Ich, die ich Männer nicht kannte“ kein schlechtes Buch, aber für mich blieb es hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die interessante Ausgangsidee hätte viel Raum für eine tiefere gesellschaftliche oder feministische Reflexion geboten, die ich hier leider vermisst habe. Deshalb landet das Buch für mich eher im mittleren/schlechtern Bereich.